A.T. Kearney „EU – Top 5 Football League – Sustainability-Benchmarking“ untersucht europäische Vereine der Top-Fußball-Ligen in den Dimensionen sportlicher Erfolg, Wirtschaftlichkeit sowie soziale und ökologische Verantwortung.
Fußball: Droht den europäischen Top-Ligen der Bankrott?

Düsseldorf, 28. Juni 2010
Als „normale“ Unternehmen würde den europäischen Top-Ligen in England, Spanien und Italien aufgrund enormer Rentabilitätslücken in den nächsten zwei Jahren der Bankrott drohen. Der Grund dafür ist die in Summe jeweils negative Anlagenrendite (Return on Assets) von minus fünf Prozent in der englischen „Premier League“, minus sieben Prozent in der spanischen „Primera Division“ und minus zwölf Prozent in der italienischen „Serie A“. Die deutschen Bundesliga-Vereine und die Clubs der französischen „Ligue 1“ weisen dagegen in Summe eine positive Anlagenrendite auf, wären jedoch im Falle einer Pleite zahlreicher europäischer Spitzenclubs sicherlich auch in Mitleidenschaft gezogen. Zu diesem Ergebnis kommt die aktuelle Studie der Top-Managementberatung A.T. Kearney „EU – Top 5 Football League – Sustainability-Benchmarking“. Die finanzielle Misere der europäischen Top-Ligen ist vor allem auf die hohen Spielergehälter und die enormen Transfersummen zurückzuführen. Um den finanziellen Kollaps des europäischen Fußballs abzuwenden, empfehlen die A.T. Kearney-Experten sowohl auf Vereins- als auch auf Ligaebene umgehend weitreichende Reformen einzuleiten.
„Um die Nachhaltigkeit der europäischen Top-Ligen auf den Prüfstand zu stellen, haben wir die Performance der Ligen als Summe der Vereine in sportlicher, wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer untersucht und dabei sehr schnell festgestellt, dass vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht einiges im Argen liegt“, sagt Dr. Jürgen Rothenbücher, Autor der Studie und Leiter der A.T. Kearney-Strategy-Practice: „Aufgrund der geringen Eigenkapitalquote und der gleichzeitig auch in Zukunft zu erwartenden negativen Anlagenrendite geht vielen Top-Vereinen in spätestens zwei Jahren das Geld aus. Geld schießt zwar Tore, aber nicht zwingend auch profitabel“.
In Summe ist die deutsche Bundesliga die nachhaltigste Liga unter den europäischen Top-Ligen und belegt Rang 1 im A.T. Kearney „EU – Top 5 Football League – Sustainability-Benchmarking“ – führend vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht und auch in Punkto Ökologie. Auf Rang 2 folgt die englische Premier League, die in den Dimensionen „Sport“ und „Soziale Verantwortung“ ganz vorne liegt. Die französische Liga 1 überzeugt auf Rang 3 in den Dimensionen Ökonomie und Ökologie (je Rank 2). Die spanische „Primera Division“ kann zwar zahlreiche sportliche Erfolge vorweisen und belegt folgerichtig auch in dieser Dimension Rang 2 – hat jedoch in allen anderen Dimensionen enormen Nachholbedarf. Das Schlusslicht auf Rang 5 ist die italienische „Serie A“ – die hinteren Ränge über alle Dimensionen hinweg, kann die mittlere Platzierung (Rang 3) in sozialer Hinsicht nicht ausgleichen.
Negative Anlagerendite und geringe Eigenkapitalquote bedroht Ligabetrieb
Zur Bestimmung der wirtschaftlichen Nachhaltigkeit der europäischen Top-Ligen wurden die zentralen Kennzahlen Umsatz, Eigenkapitalquote und Anlagenrendite der Vereine und Ligen untersucht – mit einem überraschendem Ergebnis: Wären die Ligen in England, Spanien und Italien normale Unternehmen, würde ihnen aufgrund ihrer enormen Rentabilitätslücken in den nächsten zwei Jahren der Bankrott drohen. Legt man die durchschnittliche Anlagerendite in diesen Ländern von vier Prozent zu Grunde betragen die Rentabilitätslücken der englischen „Premier League“ -9 Prozent, der spanischen „Primera Division“ -11 Prozent und in der italienischen „Serie A“ -16 Prozent.
Die französische France „Liga 1“ besitzt dagegen eine positive Anlagenrendite von 1 Prozent, was einer Rentabilitätslücke von -3 Prozent gleichkommt. Die deutsche „Bundesliga“ ist mit einer Anlagenrendite von 2 Prozent die profitabelste der untersuchten Top-Ligen und hat ein Optimierungspotenzial von 1 Prozent im Vergleich zu deutschen Nicht-Sport-Unternehmen.
„Der wesentliche Grund für die prekäre finanzielle Situation sind die hohen Spielergehälter und die enormen Ausgaben für Spielertransfers“, konstatiert Dr. Martin Sonnenschein, Zentraleuropachef von A.T. Kearney: „Allein in der abgelaufenen Saison wurde hier unterm Strich – also nach hinzurechnen der Transfereinnahmen – ein Minus von etwa 560 Millionen Euro gemacht.“ In diesem Negativ-Ranking führt die spanische „Primera Division“ mit -257 Millionen gefolgt von der von der deutschen „Bundesliga“ (-118 Mio.), der englischen „Premier League“ (-91 Mio.), die französische „Liga 1“(-62 Mio.) und der italienischen „Serie A“ (-38 Mio.). In den letzten drei Jahren hat die englische „Premier League“ Spieler im Wert von fast einer Milliarde Euro und die spanische „Primera Division“ für fast 600 Millionen Euro importiert.
„Erschwerend kommt hinzu, dass die meisten Top-Ligen noch nicht über ein ausreichendes finanzielles Kontrollsystem verfügen, so wie es beispielsweise für die deutsche ‚Bundesliga‘ existiert. So wird von jedem Bundesliga-Verein ein Nachweis verlangt, dass bestimmte Standards erfüllt werden, um zumindest die nächste Saison ohne finanzielle Probleme zu überstehen. Werden diese nicht erfüllt, wird keine Lizenz erteilt“, sagt Nikolaus Rickers, Fußballexperte bei A.T. Kearney.
Der höchste Trumpf der Vereine: der Wert der Spieler
Durch den hohen Wert der Spieler existierten gleichzeitig enorme Vermögenswerte in den Ligen und Teams: Aktuell belaufen sich diese in Summe auf 11,2 Milliarden Euro. In dieser Hinsicht führt die englische „Premier League“ mit 3,2 Milliarden Euro, gefolgt von der spanischen „Primera Division“ (2,5 Mrd.), der italienischen „Serie A“ (2,4 Milliarden), der deutschen „Bundesliga“ (1,6 Mrd.) und der französischen „Liga 1“ (1,5 Mrd.). „Diese Vermögenswerte würden jedoch im Falle einer Systemkrise sehr schnell verfallen und schützen die Clubs nicht wirklich“, so Sonnenschein.
Sportlicher Erfolg um jeden Preis
Aus der A.T. Kearney-Analyse geht hervor, dass nur wenige Zusammenhänge zwischen dem sportlichen Erfolg und der wirtschaftlichen Performance oder anderen Nachhaltigkeitskriterien der Vereine bestehen: „Der Grund liegt auf der Hand: Das Ziel aller Vereine ist zunächst einmal zu gewinnen, auf nationaler und auf internationaler Ebene. Das Konzept der Nachhaltigkeit ist für die Vereine und Ligen neu“, sagt Sonnenschein: „Vor allem in Bezug auf die Wirtschaftlichkeit versucht die UEFA nun mit ihrem Konzept ‚Financial Fairplay‘ mehr Kontrolle auszuüben. Aus unserer Sicht reicht dieses Konzept jedoch nicht aus, um die finanziellen Gradwanderungen der Top-Vereine zu unterbinden“.
Auf der anderen Seite besteht – wenig verwunderlich – eine eindeutige Verbindung zwischen den Spielerinvestitionen und dem sportlichen Erfolg der Vereine. „Dabei haben wir festgestellt, dass die Spielerinvestitionen der deutschen Vereine am effektivsten sind, während italienische Clubs sich am schwersten damit tun, Geld in Tore umzuwandeln“, ergänzt Rothenbücher.
Soziale und ökologische Verantwortung
Die englische „Premier League“ ist führend in der Dimension soziale Verantwortung. Hierzu wurden die Zuschauerzahlen in den Stadien, die Fairness der Spieler, die Anzahl von Vereinsmitgliedern in Relation zur Gesamtbevölkerung, die Anzahl von Spielern aus anderen Nationen und verschiedene soziale Projekte der Clubs miteinander verglichen. In dieser Kategorie belegt Deutschland den zweiten Rang – gefolgt von Italien.
„Bei der Bewertung der ökologischen Verantwortung der Vereine und Ligen sind wir zwar auf zahlreiche Leichtturmprojekte gestoßen – strukturierte und umfassende Ansätze mit klaren Empfehlungen oder Richtlinien aus den Ligen sind jedoch Mangelware. So haben wir zehn Umwelt-Projekte in Deutschland, acht in Frankreich, sieben in England, sechs in Spanien und nur ein einziges in Italien gezählt“, sagt Rothenbücher zum Thema Umweltverantwortung der Clubs.
Neue Geschäftsmodelle dringend erforderlich
„Natürlich gehen wir nicht davon aus, dass eine der europäischen Top-Ligen in den nächsten Jahren Insolvenz anmelden wird, man muss jedoch davon ausgehen, dass einige Top-Vereine in substanzielle finanzielle Schieflagen kommen könnten, wenn die zugrunde liegenden Geschäftsmodelle nicht rasch angepasst werden,“ so Rothenbücher: „Ganz besonders die deutsche Bundesliga zeigt hier einige vielversprechende Ansätze, die von anderen Ligen adaptiert werden sollten, um ein nachhaltiges Geschäftsmodell zu entwickeln, das idealerweise auch für normale Geldanleger interessant sein kann.“
Darüber hinaus ist vor allem auch die UEFA gefragt, um die risikoreichen Finanztransaktionen der Vereine zu unterbinden.
„Die nationalen Verbände und die UEFA sollten idealerweise gemeinsam sehr rasch weitere Maßnahmen ergreifen, um die Aktivitäten der Vereine in wirtschaftlich sinnvolle Bahnen zu lenken“, so Rothenbücher. |