A.T. Kearney Global Services Location Index (GSLI): Indien und China behaupten sich als Top-Offshoring-Destinationen; Mittel- und Osteuropa fallen weiter zurück und überlassen Ländern in Südostasien und im Nahen Osten ihre Plätze
Lohnkostenvorteile in Osteuropa schwinden

Düsseldorf, 04. Juni 2009
Bei der Auslagerung von Unternehmensprozessen in Niedriglohnländer zeichnen sich weitreichende Veränderungen ab. Ein Offshoring nach Polen, Tschechien, Ungarn und Slowakei lohnt sich für westliche Unternehmen immer weniger, da sich die Kosten in diesen Ländern aufgrund von Lohnkosteninflationen und Währungsabwertungen immer mehr westlichen Standards angleichen. Gleichzeitig können asiatische Staaten, der Nahe Osten und Nordafrika ihre bisherigen Mankos in Punkto Bildungsstandards immer weiter reduzieren und die Qualifikation und Verfügbarkeit von Arbeitskräften nachhaltig verbessern. Das geht aus dem aktuellen Global Services Location Index (GSLI) der Top-Managementberatung A.T. Kearney hervor. Indien, China und Malaysia konnten ihre Top-Positionen seit dem ersten GSLI im Jahr 2004 erfolgreich behaupten. Erstmals unter den Top-Ten des GSLI vertreten sind nun auch Ägypten, Jordanien und Vietnam.
„Die Dynamik des globalen Offshorings verlagert sich derzeit. Denn Unternehmen bewerten politische Risiken und Anforderungen an die Qualifikation der Mitarbeiter aufgrund der globalen Wirtschaftskrise komplett neu”, sagt Dietrich Neumann, Zentraleuropa-Chef von A.T. Kearney: „Dabei wird dem Risikomanagement eine ganz neue Bedeutung beigemessen. Es geht nicht mehr nur um reine Kosteneinsparungen, sondern vor allem auch darum, bei der globalen Serviceerbringung Sicherheit und Qualität zu gewährleisten. Im Rahmen einer nachhaltigen Restrukturierung sollten global agierende Unternehmen, Fähigkeiten und Kompetenzen strategisch verteilen und nicht mehr nur auf einige wenige kosteneffiziente Standorte konzentrieren.“
Die Kosten sind zwar nach wie vor der wichtigste Faktor bei einer Outsourcing-Entscheidung. Die Qualifikation der zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte gewinnt jedoch zunehmen an Bedeutung – insbesondere aufgrund des zunehmenden Fachkräftemangels in einigen Heimatmärkten globaler Unternehmen. Als Antwort darauf investieren die Offshoring-Staaten verstärkt in die Ausbildung entsprechender Arbeitskräfte.
Trotz des derzeitigen Rückgangs der Offshoring-Aktivitäten aufgrund der weltweiten Wirtschaftskrise könnte sich der Anteil der Unternehmen mit Offshore-Mitarbeitern gerade als Ergebnis der Krise weiter steigern. „Unternehmen sind darauf angewiesen, ihren vollen Service bei reduzierten Kosten aufrechtzuerhalten. Dabei spielt Offshoring nach wie vor eine wichtige Rolle“, sagt Neumann.
Mitteleuropa verliert Attraktivität – Asien weiter führend
Etablierte mitteleuropäische Staaten wie Polen, Tschechien, Ungarn und die Slowakei – allesamt ehemals bevorzugte Zielländer westeuropäischer Unternehmen – haben aufgrund einer rapiden Kostensteigerung durch Lohnkosteninflationen und einer Abwertung der Währung gegenüber dem US-Dollar dramatisch an Attraktivität verloren. Dagegen konnten die „Low-Cost-Countries“ in Südostasien und dem Nahen Osten Plätze gutmachen, da die Qualifikation und Verfügbarkeit der Arbeitskräfte nachhaltig verbessert wurde.
Der Nahe Osten und Nordafrika positionieren sich als die wichtigsten neuen Offshoring-Regionen aufgrund der rasant wachsenden Anzahl von Fachkräften und der Nähe zu Europa. Neben Ägypten (Rang 6) und Jordanien (Rang 9), konnten sich Tunesien (Rang 17), die Vereinigten Arabischen Emirate (Rang 29) und Marokko (Rang 30) unter den ersten 30 Ländern des Index platzieren. „Der Nahe Osten und Afrika haben das Potenzial, die Offshoring-Landkarte neu zu zeichnen – mit so gut ausgebildeten Fachkräften Chancen eröffnen, die in diesen Ländern dringend benötigt werden”, sagt Norbert Jorek, A.T. Kearney-Partner und Managing Director des Global Business Policy Councils.
Indien, China und Malaysia konnten sich mit weiterhin großem Abstand als führende Nationen im Index behaupten, was in erster Linie auf eine einzigartige Kombination aus Kostenvorteilen, gut ausgebildeten Mitarbeitern und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zurückzuführen ist. Insbesondere Indien hat sich durch die Expansion seiner Offshoring-Firmen in andere Länder mittlerweile als treibende Kraft für das Wachstum der IT-Industrie etabliert.
Neue Onshoring-Potenziale
Die Vereinigten Staaten, repräsentiert durch das Onshoring-Potenzial kleinerer „Tier II”-Städte wie beispielsweise San Antonio, verbesserte sich auf Rang 14 aufgrund des fallenden Dollars und der damit verbundenen finanzielle Vorteile – vor allem für europäische Unternehmen. Die USA besitzt ganz besondere Stärken in der Kategorie Mitarbeiter. Die Kombination aus steigender Arbeitslosigkeit und politischem Druck, neue Arbeitsplätze zu schaffen, erhöht auch das Interesse an Onshoring-Möglichkeiten bei kleineren Städten. Eine ähnliche Entwicklung lässt sich auch in Deutschland, beispielsweise mit Leipzig, Großbritannien und Frankreich erkennen, die allesamt im GSLI-Plätze gutmachen konnten.
Der GSLI vergleicht die weltweit Top-50-Länder anhand ihres Angebotes an Outsourcing-Aktivitäten wie zum Beispiel IT-Services und -Support sowie Back-Office-Unterstützung. Dabei werden alle für eine Offshoring-Entscheidung relevanten Aspekte wie Kostenvorteile, Verfügbarkeit gut ausgebildeter Fachkräfte und wirtschaftliche Rahmenbedingungen berücksichtigt.
Global Services Location Index 2009 (Zahlen in Klammern entspricht Rang im 2007 GSLI)
| 1. | Indien (1)
| | 26. | Senegal (39)
| | 2. | China (2)
| | 27. | Argentinien (23)
| | 3. | Malaysia (3)
| | 28. | Kanada (35)
| | 4. | Thailand (4)
| | 29. | Vereinigte Arabische Emirate (20)
| | 5. | Indonesien (6)
| | 30. | Marokko (36) | | 6. | Ägypten (13)
| | 31. | Großbritannien (Tier II)* (42)
| | 7. | Philippinen (8)
| | 32. | Tschechien (16)
| | 8. | Chile (7)
| | 33. | Russland (37)
| | 9. | Jordanien (14)
| | 34. | Deutschland (Tier II)* (40)
| | 10. | Vietnam (19) | | 35. | Singapur (11)
| | 11. | Mexico (10)
| | 36. | Uruguay (22)
| | 12. | Brasilien (5)
| | 37. | Ungarn (24)
| | 13. | Bulgarien (9)
| | 38. | Polen (18)
| | 14. | USA (Tier II)* (21)
| | 39. | Südafrika Afrika (31)
| | 15. | Ghana (27)
| | 40. | Slowakei (12) | | 16. | Sri Lanka (29)
| | 41. | Frankreich (Tier II)* (48)
| | 17. | Tunesien (26)
| | 42. | Ukraine (47)
| | 18. | Estland (15)
| | 43. | Panama (41)
| | 19. | Rumänien (33)
| | 44. | Türkei (49)
| | 20. | Pakistan (30) | | 45. | Spanien (43)
| | 21. | Litauen (28)
| | 46. | New Seeland (44)
| | 22. | Lettland (17)
| | 47. | Australien (45)
| | 23. | Costa Rica (34)
| | 48. | Irland (50)
| | 24. | Jamaica (32)
| | 49. | Israel (38)
| | 25. | Mauritius (25)
| | 50. | Portugal (46)
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* Basis: Niedriglohn-Gebiete in jedem Land: San Antonio (USA), Belfast (Großbritanien), Leipzig (Deutschland) und Marseilles (Frankreich).
Weitere Informationen finden Sie hier: The Shifting Geography of Offshoring |