A.T. Kearney-Studie untersucht Auswirkungen der Finanzkrise auf Energiewirtschaft - Rückläufige Investitionen insbesondere im Bereich erneuerbarer Energien Finanzkrise belastet Investitionsbereitschaft in Stromerzeugung Düsseldorf/Berlin, 03. Februar 2009
Die Finanz- und Wirtschaftskrise belastet die Investitionsbereitschaft in europäische Kraftwerksprojekte. Von den jährlich erforderlichen Investitionen für den notwendigen Anlagenersatz und Kraftwerksneubau in Höhe von etwa 30 bis 35 Milliarden Euro können bis 2010 jedoch nur rund zwei Drittel aufgebracht werden. Der Investitionsrückgang wird zu einer steigenden Überalterung des europäischen Kraftwerksparks führen. Bei einem gleichzeitig starken Anstieg des Stromverbrauchs und wieder ansteigenden Rohstoffpreisen nach der Rezession wird dies die Strompreise um mindestens 50 Prozent nach oben treiben. Dies geht aus einer aktuellen Studie der Top-Managementberatung A.T. Kearney hervor, die heute im Rahmen einer Pressekonferenz in Berlin vorgestellt wurde. Rückläufige Gewinne im Energiegeschäft sowie Verluste der Energieversorgungsunternehmen werden die Veränderung der Branchenstruktur beschleunigen und zu einer weiteren Marktkonsolidierung führen. Zudem wird der Anteil der Betreiber im Bereich erneuerbarer Energien und die Investitionen in erneuerbare Energien zurückgehen. Das Erreichen der EU-Ziele zum Klimaschutz und zum Ausbau der erneuerbaren Energien ist damit gefährdet. Es wird damit noch wichtiger, langfristig klare Rahmenbedingungen für den Ausbau der erneuerbaren Energien zu schaffen.
„Die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise wird zu großen strukturellen Veränderungen in der Energiewirtschaft führen“, sagt Dr. Florian Haslauer, Partner und Vice President der Utility Practice von A.T. Kearney und Leiter der Studie: „Ein Rückgang des Stromverbrauchswachstums und sinkende Rohstoffpreise prägen die Entwicklungen auf den Energiemärkten ebenso wie steigende Kapitalkosten. Dies hat dazu geführt, dass sich die Rahmenbedingungen für Kraftwerksinvestitionen in Europa verschlechtert haben und damit viele notwendige Investitionen nun aufgeschoben werden.“
Auch wenn sich durch den Abschwung der Wirtschaftsleistung das Stromverbrauchswachstum in den nächsten Jahren etwas abschwächen wird, muss in Europa generell mit einem weiterhin steigenden Strom- und Gasverbrauch gerechnet werden. Bis 2020 ist in der EU-27 mit einem Verbrauchsanstieg von 23 Prozent auf 3.945 Terrawattstunden bei Strom und von 25 Prozent auf 630 Milliarden Kubikmeter bei Gas zu rechnen. Während bei der Entwicklung des Gesamtenergieverbrauchs bereits eine Entkopplung vom Wirtschaftswachstum zu erkennen ist, hängt die Entwicklung des Stromverbrauchs bis 2020 weiterhin von der Wirtschaftsleistung ab.
Durch die Finanzkrise und die dadurch sinkende weltweite Nachfrage nach Rohstoffen sind die Preise von Gas, Öl und Kohle in den letzten Monaten stark gesunken. Diese Entwicklung lässt sich auch bei den Strompreisen auf den Großhandelsmärkten erkennen, die insbesondere zu den Gas- und CO2-Preisen eine sehr hohe Korrelation aufweisen.
Fehlende Milliardeninvestitionen in Kraftwerke
Im Zuge der Finanzkrise haben sich die Kreditkonditionen für Energieunternehmen verschlechtert. So haben sich sogar für die großen Unternehmen die Fremdkapitalkosten um rund 50 bis 120 Basispunkte erhöht. Dies führt zu einer deutlich sinkenden Attraktivität von Kraftwerksinvestitionen und zu einem verstärkten Anreiz, alte abgeschriebene Kraftwerke länger zu betreiben. „Ein notwendiger Anlagenersatz und Kraftwerksneubau bei einem langfristig steigenden Stromverbrauch erfordert jedoch umfangreiche Investitionen in den europäischen Kraftwerkspark von etwa 30 bis 35 Milliarden Euro pro Jahr“, so Haslauer: „Dies gilt insbesondere für den Neubau von Kraftwerken im Bereich erneuerbarer Energien, Gas und Kohle. Unter den derzeitigen Rahmenbedingungen werden die jährlichen Investitionen im Jahr 2009 und 2010 aber um rund 10 Milliarden Euro pro Jahr geringer ausfallen.“
Das Ausbleiben notwendiger Kraftwerksinvestitionen in den nächsten Jahren wird die Überalterung des europäischen Kraftwerksparks noch weiter verstärken. Es bleiben alte Kraftwerke mit schlechterem Wirkungsgrad in Betrieb. Dies wird bei einem gleichzeitig starken Anstieg des Stromverbrauchs und wieder steigenden Rohstoffpreisen in der Aufschwungsphase die Strompreise gegenüber dem aktuellen Niveau an den Großhandelsmärkten um mindestens 50 Prozent nach oben treiben. Die ohnehin hohe Volatilität der Strommärkte nimmt weiter zu.
Rückgang der Investitionen in erneuerbare Energien
„Die derzeitigen Rahmenbedingungen lassen zudem insbesondere die Attraktivität von Investitionen in den Ausbau der erneuerbaren Stromerzeugung sinken“, so Haslauer: „So sind diese in den letzten Monaten massiv eingebrochen.“ Mehrere Faktoren sprechen dafür, dass dieser Trend mehrere Jahre anhalten könnte: Viele Investoren in erneuerbare Energien sind aufgrund fehlender laufender Cash-Flows im Gegensatz zu den Energieunternehmen noch viel stärker auf Fremdkapital angewiesen, sie leiden aber derzeit unter deutlich schlechteren Kreditkonditionen. Hinzu kommt die Kostenstruktur der erneuerbaren Energien, bei denen Kapitalkosten den wesentlichen Kostenblock ausmachen. Steigende Kapitalkosten wirken sich hier viel stärker auf die Wirtschaftlichkeit der Investition aus. Durch die Finanzkrise sind die Stromerzeugungskosten beispielsweise für Steinkohle um 4,3 Prozent, für Erdgas/Gas- und Dampfturbinen um 2,1 Prozent gestiegen, für Laufwasser-Kraftwerke und für Wind Offshore ist sogar ein Anstieg von 19,0 Prozent beziehungsweise 10,7 Prozent zu verzeichnen.
„Fehlende Investitionen in den Ausbau der erneuerbaren Energie heißt aber auch, dass sich das Erreichen der EU-Klimaziele verzögern wird und ohne die geeigneten Maßnahmen diese sogar gefährdet sind“, sagt Haslauer.
Unternehmen durch schwankende Rohstoffpreise unter Druck
Die A.T. Kearney-Studie zeigt zudem, dass durch die schwankenden Rohstoffpreise insbesondere kleine Unternehmen und reine Energieverteilunternehmen ohne eigene Stromerzeugung unter Druck geraten, da sie durch die steigenden Preisvolatilitäten auch einem steigendem Preisrisiko ausgesetzt sind. Große vertikal integrierte Unternehmen können die derzeitigen und zukünftig zu erwartenden Schwankungen auf den Rohstoffmärkten hingegen besser abfangen. „Fehleinschätzungen über die Preisentwicklung bei der Strombeschaffungsstrategie können sich auf die wirtschaftliche Situation von Unternehmen dramatisch auswirken“, so Haslauer: „Außerdem wird sich das regulierte, stabile Netzgeschäft und das Strom- und Gasgeschäft mit volatilen Preisen stärker auseinander entwickeln und unterschiedliche Geschäftsmodelle erforderlich machen.“
Aber auch das organische Wachstum der Energieunternehmen ist bedingt durch die Finanzkrise rückläufig. Seit dem Jahr 2000 hat der steigende Energieverbrauch bei gleichzeitig steigenden Rohstoff- und Energiepreisen den europäischen Energieunternehmen im Durchschnitt ein jährliches organisches Wachstum von rund 8 Prozent ermöglicht. Hinzu gekommen ist bei den führenden Unternehmen in Europa ein akquisitorisches Wachstum in einer ähnlichen Höhe. Unter den derzeitigen Rahmenbedingungen ist in den nächsten zwei Jahren allerdings mit Erlösrückgängen von bis zu 20 Prozent zu rechnen. Ergebnisrückgänge werden noch stärker ausfallen und teilweise zu Verlusten führen. Allerdings werden große integrierte Energieunternehmen mit einem internationalen Portfolio weniger betroffen sein, als kleinere, regionale Unternehmen.
Verstärkte Konsolidierung und Veränderung der Industriestruktur
Ergebnisrückgänge und Verluste werden zu einer Beschleunigung der Veränderung der Branchenstruktur führen. Einerseits werden die Kooperationen im volatilen, risikoreichen Energiegeschäft zunehmen oder sich Unternehmen von diesem Geschäft ganz trennen und sich auf das risikoarme, cashflowstabile Netzgeschäft konzentrieren. Die Konsolidierung im Energiegeschäft wird insbesondere bei den Wertschöpfungsstufen Erzeugung und beim Verkauf von Strom und Gas weiter voranschreiten. Andererseits wird der Anteil der „unabhängigen“ Projektentwickler und der Betreiber im Bereich der erneuerbaren Energien zurückgehen und der Anteil der traditionellen Energieunternehmen in diesem Bereich ansteigen.