A.T. Kearney-Studie: Vorstände und Geschäftsführer deutscher Industrieunternehmen sehen in ihren jeweiligen Einkaufsabteilungen gravierende Defizite bei analytischen Werkzeugen und Personalausstattung
Einkaufsabteilungen auf der Suche nach langfristigen Strategien und geeigneten Mitarbeitern

Düsseldorf, 12. November 2007
Obwohl der Einkauf in produzierenden Unternehmen im Schnitt mehr als 50 Prozent der Gesamtkosten ausmacht, bestehen bei den meisten Unternehmen noch gravierende Defizite im strategischen Beschaffungsmanagement. Betroffen sind davon vor allem die wichtigen Bereiche "Anwendung analytischer Werkzeuge" und "Personalausstattung", was mit direkten Auswirkungen auf die Profitabilität verbunden ist. Das geht aus einer aktuellen Studie der Top-Managementberatung A.T. Kearney hervor, für die über 200 Vorstände und Geschäftsführer deutscher Industrieunternehmen zu ihren jeweiligen Einkaufsabteilungen befragt wurden. "Angemessene Informationssysteme" sowie die "Kommunikation zu Lieferanten mit einer Stimme" sind dagegen die beiden Erfolgsfaktoren, die nach Aussage der befragten Top-Manager von etwa drei Viertel der Unternehmen beherzigt werden.
"Unsere Studie zeigt, dass der Umsetzungsgrad wichtiger Erfolgsfaktoren im Einkauf nicht zufriedenstellend ist. Dies deutet auf einen erheblichen Nachholbedarf und damit ein hohes Kostensenkungs- und Wertsteigerungspotenzial bei deutschen Unternehmen hin", erläutert Dr. Christian Schuh, Studienautor und Partner bei A.T. Kearney: "Ein zeitgemäßer Einkauf muss in der Lage sein, auf der Basis einer umfassenden und langfristigen Strategie, technische und kaufmännische Informationen mit fundierten Erkenntnissen über den Beschaffungsmarkt zu verbinden und so Verhandlungen mit Lieferanten vorzubereiten. Dies sind die wesentlichen Voraussetzungen dafür, durch strategisches Beschaffungsmanagement nachhaltige Wettbewerbsvorteile zu realisieren, die direkte Auswirkungen auf die Marge eines Unternehmens haben." Vor allem Automobilzulieferer, Pharma- und Transportunternehmen schneiden bei analytischen Werkzeugen besonders schwach ab.
Die mangelnde Personalausstattung im Einkauf ist eine wesentliche Hürde, um Lücken im Einkauf effektiv zu schließen: "Um fundierte Analysen erstellen zu können, benötigt der Einkauf eine ausreichende Anzahl technisch und kaufmännisch hoch qualifizierter Mitarbeiter. Zudem muss ein leitender Einkäufer in der Lage sein, gleichberechtigt mit Vertriebs- und F&E-Leitern strategische Fragen diskutieren zu können", sagt Co-Autor Robert Kromoser, Manager bei A.T. Kearney: "Derzeit ist es sehr schwierig, geeignete Kandidaten extern zu rekrutieren. Hinzu kommt, dass der Einkauf in vielen Unternehmen nach wie vor nicht gerade als attraktive Karrierestation angesehen wird."
Bei Informationssystemen vorne
Mit immerhin 3,3 von vier möglichen Punkten bestätigen die für die Studie Befragten, dass ihre Unternehmen beim Erfolgsfaktor "Informationssysteme im Einkauf" dem neuesten Stand der Technik entsprechen. Obwohl viele Unternehmen, die zum Teil durch Akquisitionen gewachsen sind, oft durch ihre unterschiedlichen IT-Systeme nur unzureichend unterstützt werden, gilt dies anscheinend nicht für den Einkauf. Hier ist es durch Einsatz konsistenter und gut integrierter Systeme möglich, sehr exakt den Überblick über den eigenen Bedarf und den Lieferantenmarkt zu behalten.
In der Detailauswertung fällt jedoch auf, dass die Transportindustrie mit nur 2,3 Punkten und die pharmazeutische Industrie mit lediglich 2,8 Punkten gegenüber anderen Branchen hinsichtlich dieses Erfolgsfaktors zurückbleiben. Die eigenen Informationssysteme werden von Energieversorgern, Automobilzulieferern und Maschinenbauern weitaus besser eingeschätzt. Die deutsche Industrie hat also nahezu flächendeckend die notwendigen Voraussetzungen für einen schlagkräftigen Einkauf bereits geschaffen.
Hoher Stellenwert des Einkaufs bei deutschen Vorständen
Zur Teilnahme an der Bestandsaufnahme des Einkaufs waren insgesamt 600 deutsche Industrieunternehmen mit einem Jahresumsatz von mindestens 200 Millionen Euro aufgerufen. Die mehr als 200 Teilnehmer stammen aus den Bereichen Automobilzulieferindustrie, Maschinenbau, Nahrungs- und Genussmittelindustrie, pharmazeutische Industrie, Transportindustrie, Prozessindustrie sowie Energieversorgung. "Die enorme Rücklaufquote von mehr als 30 Prozent spricht für das hohe Interesse am Thema Einkauf in den Vorstandsetagen", so Kromoser. Bereichsübergreifend schneidet die Transportindustrie alles andere als gut ab und befindet sich in allen Bereichen unter den Durchschnittswerten. Dagegen weisen vor allem die Energieversorger, die Prozessindustrie und der Bereiche Maschinenbau Werte auf, die über den Durchschnitt liegen.
"Deutsche Unternehmen müssen noch einmal 'nachlegen', wenn sie ihre Lieferanten optimal managen und dabei für sich selbst alle Möglichkeiten der Lieferantenbeziehung nutzen wollen", kommentiert Schuh zusammenfassend die Studienergebnisse. Laut Schuh kommt es in den kommenden Monaten und Jahren darauf an, dass die Bedeutung des Einkaufs für das Produkt und damit für den Umsatz und die Marge vom Großteil der deutschen Unternehmen verstanden und gelebt wird: "Der Einkauf muss personell und analytisch stark aufrüsten, wenn die deutschen Unternehmen mittelfristig wettbewerbsfähig bleiben wollen. Dafür muss auch das Ansehen und die Bedeutung des Einkaufs intern im Unternehmen weiter steigen." |