A.T. Kearney-Studie untersucht Entwicklung der CO2 -Emissionen im Hinblick auf EU-Klimaziele und Kernkraftausstieg – Maßnahmen mit primärem Fokus auf die Energiewirtschaft allein reichen für angestrebte CO2-Reduktion nicht aus
CO2-Ziele ohne Kernenergie nicht zu erreichen

Düsseldorf, 08. März 2007
Die auf Basis der Klimaziele der Europäischen Union in Deutschland angestrebte Emissionsreduktion ist ohne die weitere Nutzung der Kernenergie kaum oder gar nicht zu erreichen. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie der Top-Managementberatung A.T. Kearney, in der die Auswirkungen des Kernkraftausstiegs im Hinblick auf die von der EU geforderte Reduktion der Kohlendioxid-Emissionen (CO2) untersucht wurde. Auf EU-Ebene kann das gesteckte Minimalziel einer CO2-Reduktion um 20 Prozent bis zum Jahr 2020 gegenüber dem Ausstoß von 1990 nicht allein durch Maßnahmen der Energiewirtschaft erreicht werden. Zudem wird sich in Deutschland das ausgegebene Ziel einer 30- beziehungsweise 40-prozentigen CO2-Senkung bei einem Ausstieg aus Kernenergie kaum beziehungsweise gar nicht realisieren lassen. Vielmehr würde der in Deutschland geplante Kernkraftausstieg sogar zu einer relativen Erhöhung des CO2-Ausstoßes führen - bezogen auf das Niveau von 1990 um 12 Prozent.
Der Stromverbrauch wird sowohl in Deutschland als auch in den übrigen Ländern der EU-27 bis 2020 stark ansteigen. Getrieben wird diese Entwicklung vor allem durch das zu erwartende starke Ansteigen des Stromverbrauchs der Privathaushalte. „Unseren Berechnungen zufolge wird der Stromverbrauch privater Haushalte EU-weit von gegenwärtig insgesamt 805 Terrawattstunden (TWh) um etwa 2,2 Prozent jährlich auf über 1.120 TWh im Jahr 2020 anwachsen – verglichen mit einem durchschnittlichen Wachstum aller Segmente von 1,5 Prozent“, sagt Dr. Matthias Cord, Vice President und Leiter der europäischen Beratungsgruppe für die Energiewirtschaft bei A.T. Kearney: „Um die Versorgungslücke zu schließen, die durch den steigenden Stromverbrauch auf der einen sowie den bis 2020 geplanten Kernkraftausstieg in Deutschland auf der anderen Seite entsteht, rechnen wir mit einer Verdoppelung der Stromerzeugung aus Gas und einer Steigerung der Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen um den Faktor 3,6.“
Auf Basis dieser Entwicklung ermittelte A.T. Kearney, dass es EU-weit in der Energiewirtschaft bis 2020 im Vergleich zu 1990 zu einem Anstieg der CO2-Emissionen um 3 Prozent kommen wird. In Deutschland wird bei den Emissionen der Energieversorger gegenüber 1990 ein Rückgang von 8 Prozent erwartet. „Würde Deutschland auf den weiteren Ausstieg aus der Kernenergie verzichten, so würde aufgrund des ausbleibenden Kraftwerksersatzes ein Anstieg der Emissionen um 12 Prozent bezogen auf das Niveau Deutschlands von 1990 vermieden werden“, sagt Kurt Oswald, Principal bei A.T. Kearney und Leiter der Studie. „Das muss man insbesondere vor dem Hintergrund betrachten, dass die derzeit heftig diskutierte Reduktion des Schadstoffausstoßes des Verkehrs von derzeit durchschnittlich 163 Gramm CO2 pro gefahrenem Kilometer auf 120 Gramm zu einer Verringerung von nur etwa 5 Prozent bis 2020 in Deutschland führen wird.“ Ab 2020 werden die Emissionen in Deutschland allerdings aufgrund des bis dahin voraussichtlich vollzogenen Kernkraftausstiegs wieder stark ansteigen.
Betrachtet man alle CO2 -emittierenden Bereiche wie Energiewirtschaft, Industrie, Gewerbe, Haushalte und Verkehr führt diese Entwicklung innerhalb Europas zu einem Anstieg der CO2-Emissionen von 7 Prozent bis 2020, während in Deutschland eine Reduzierung von 9 Prozent im Vergleich zu 1990 zu beobachten ist – gegenüber 2005 bedeutet das aber eine Zunahme um 7 Prozent. Der wesentliche Treiber dafür ist die Schließung der Kapazitätslücke, die durch die weitere Stilllegung der Kernkraftwerke entsteht.
Bewertung der CO2-Ziele anhand von Zukunftsszenarien
A.T. Kearney hat ausgehend vom diskutierten Basisszenario verschiedene energiewirtschaftliche Zukunftsszenarien untersucht und auf ihre Erreichbarkeit hin überprüft. Es zeigt sich, dass selbst das „CO2-optimale“ Szenario die ehrgeizigen Ziele der EU nicht erfüllen kann. „Das von der EU gesteckte Ziel einer 20-prozentigen CO2-Reduktion ist auch dann nicht erreichbar, wenn in der Stromerzeugung knapp 70 Prozent des Bedarfs aus CO2-freien Technologien erfolgen würde“, sagt Oswald. „Ausgegangen sind wir dabei davon, dass der Anteil an erneuerbarer Energie – ohne Wasserkraft – auf 20 Prozent der Stromerzeugung ansteigt, es in Deutschland keinen Ausstieg aus der Kernkraft geben wird und es zu Effizienzsteigerungen von den von der EU ins Auge gefassten 20 Prozent kommt. Auf der Grundlage dieses sehr progressiven Szenarios würde es zu einer Reduktion von nur 17 Prozent im Vergleich zu 1990 kommen.“
Oswald weist außerdem darauf hin, dass eine Reduktion der CO2-Emissionen in Deutschland um 30 Prozent nur im Falle eines Nichtausstiegs aus der Kernkraft und bei der Einhaltung der Ziele, in erneuerbare Energien zu investieren, sowie der Effizienzziele denkbar ist. Aussagen, dass die CO2-Emissionen bis 2020 um 40 Prozent reduziert werden, sofern die EU sich zu einer Reduktion um 30 Prozent verpflichtet, sind auch im CO2-optimalen Fall nicht erreichbar. Dies schließt auch die Emissionsreduktionen mit ein, die auf den Zielen in den anderen emissionsverursachenden Bereichen basieren. „Wir müssen realisieren, dass ein kurz- bis mittelfristiger Ausstieg aus der Kernenergie für die Erreichung der CO2-Emissionsreduktionsziele kontraproduktiv ist; vor dem Hintergrund der Diskussion um den drohenden Klimawandel ist er sogar unverantwortlich“, so Cord. |