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Biokraftstoffe weiterhin auf dem Vormarsch
A.T. Kearney erwartet strukturelle Verschiebungen im EU-Energieportfolio – Besteuerung von Biokraftstoffen würde Eigenproduktion schwächen und zu erhöhten Import führen

Düsseldorf, 20. Februar 2006

Durch den allgemeinen Trend zu erneuerbaren Energien wird der Anteil alternativer Treibstoffe im Energieportfolio vor allem durch die wachsende Verbreitung von Biokraftstoffen stark ansteigen. Einer aktuellen Untersuchung der Top-Managementberatung A.T. Kearney zufolge wird der Biokraftstoffverbrauch in Europa von heute zwei Millionen Tonnen auf etwa 12 Millionen im Jahr 2010 und bis zu 21 Millionen im Jahr 2020 ansteigen. Durch diese Entwicklung werden die traditionellen Mineralölanbieter in den kommenden Jahren zunehmend mit einem Überangebot an mineralölbasierten Kraftstoffen – insbesondere Otto- aber auch Dieselkraftstoff – konfrontiert, der die Auslastung ihrer Raffineriekapazitäten gefährden könnte. Zu den Gewinnern des Bio-Trends könnten auch deutsche Unternehmen gehören, die sich bereits heute mit entsprechenden Investitionen für die Produktion von Biotreibstoffen positionieren. Trotz einer möglichen Besteuerung würde der Trend zu Biokraftstoffen zwar anhalten, aber zu einem vermehrten Import gegenüber der Eigenproduktion führen.

„Was die Verbreitung von Biotreibstoffen betrifft, verfolgt die EU im Bereich erneuerbare Energien ehrgeizige Ziele. So sollen bereits bis zum Jahr 2010 5,75 Prozent aller eingesetzten Autokraftstoffe nachhaltig sein – was aus heutiger Sicht jedoch schwer zu realisieren sein wird“, sagt Dr. Tobias Lewe, Principal im Bereich Prozessindustrien von A.T. Kearney und Autor der Untersuchung: „Allerdings gehen wir davon aus, dass die langfristigen Ziele der EU für 2020 – ein 20-prozentiger Anteil nachhaltiger Autokraftstoffe oder zwölf Millionen Tonnen pro Jahr – sogar übertroffen werden könnten.“

Diese Erwartungen gehen einher mit signifikanten Wachstumschancen in Europa sowohl für Agro-Unternehmen als auch für Mineralölkonzerne – wobei Deutschland mit einem Anteil von aktuell über 30 Prozent des gesamten EU-Marktes für Biotreibstoffe eine ganz besondere Rolle zukommt. Entsprechend haben bereits zahlreiche Unternehmen eine Pionierrolle übernommen und wirken maßgeblich an der Entwicklung neuer Produktstandards mit.

„Die von der Bundesregierung geplante Besteuerung von Biokraftstoffen würde die Margen bei der Eigenproduktion in Deutschland reduzieren. Dies hat einen erhöhten Kostenfokus für die Produzenten zur Folge, die dadurch versuchen werden günstige Rohstoffe im Ausland einzukaufen. Die daraus resultierende Konsequenz ist somit eine Förderung des Imports“, so Lewe.

Wann die Qualität von beispielsweise palmölbasierten Biotreibstoffen als ausreichend bezeichnet werden kann, ist im Grunde nur noch eine Frage der Zeit. Restriktionen hinsichtlich der Mischungsverhältnisse und die von der Mineralölindustrie aufgebrachten Qualitätsthemen werden gerade bearbeitet und sicherlich auch über kurz oder lang gelöst.

Die zweite Generation der Biotreibstoffe: Biomass-to-Liquid (BTL)

Nachdem Biodiesel und Ethanol immer noch die einzigen kommerziellen Biokraftstoffe sind, beide aber auf Substanzen basieren, die auch essbar sind, wie beispielsweise Rapssaat oder Zucker, gibt es inzwischen Entwicklungsanstrengungen und erste technische Umsetzungen für Biokraftstoffe, die keine essbaren Substanzen mehr enthalten.

So ist Biomass-to-Liquid (BTL) eine neu entwickelte Alternative, die große Vorteile gegenüber der ersten Generation der Biotreibstoffe hat: Es besitzt eine effiziente Energiebalance und ist auch für den Einsatz in Kraftfahrzeugen geeignet. Diese Treibstoffe entstehen aus der Gasifizierung von Biomasse und werden in einem komplexen thermochemischen Prozess gewonnen. „Wir erwarten, dass BTL als Biotreibstoff zukünftig eine wichtige Rolle spielen wird. Dies hängt jedoch davon ab, wie schnell diese Technologie weiterentwickelt wird“, erläutert Lewe.

Investitionen in Lieferketten, Raffinerien und neue Technologien

In Erwartung von EU-Entscheidungen für den vermehrten Einsatz von Biokraftstoffen müssen die bisher auf Mineralöl ausgerichteten Lieferketten umgestaltet werden. Da die EU den wachsenden Bedarf nicht eigenständig decken kann, ist mit wachsenden Importen von pflanzlichen Rohstoffen und Biotreibstoffen zu rechnen.

Deshalb gelten vor allem Malaysia, Indonesien und auch die Ukraine zukünftig als die großen Lieferanten der erforderlichen pflanzlichen Rohstoffe. „Angesichts der derzeitigen Kostenvorteile für Lieferungen aus Übersee erwarten wir außerdem, dass die Importe im Volumen nochmals zunehmen, sobald die Subventionen für Biokraftstoffe in der EU reduziert werden. Wir gehen davon aus, dass von den im Jahr 2010 in Europa benötigten 12 Millionen Tonnen etwa 5,5 Millionen Tonnen importiert werden müssen. Bis 2020 kann man mit einem Defizit von etwa 15 Millionen Tonnen rechnen, das durch Importe ausgeglichen werden muss“, schätzt Lewe: „Auch eine Erhöhung der Produktivität im Agrarbereich ändert dieses Bild nicht grundsätzlich. Entsprechend sind Investitionen in Logistikeinrichtungen entlang der gesamten Lieferkette erforderlich – in der EU und in den Ausgangsländern. Dabei werden vorallem die europäischen Überseehäfen Rotterdam, Wilhelmshaven und Marseille ihre Position als wichtigen Umschlagsplatz ausbauen.“

Die Entwicklung dieses neuen Marktes bedeutet aber auch Investitionen in neue Technologien und Raffinerie-Kapazitäten. Zudem wird erwartet, dass traditionelle Mineralölunternehmen diesem Trend folgen und sich dabei vor allem auf die neuen BTL-Technologien konzentrieren werden. Damit erarbeiten sie sich einen Wettbewerbsvorteil gegenüber Anbietern von Biotreibstoffen der ersten Generation und sichern so ihr traditionelles Mineralöl-basiertes Kerngeschäft, was nach Meinung der A.T. Kearney-Experten auch dringend notwendig ist: „Die Produktionskapazitäten traditioneller Mineralölraffinerien in Europa werden erwartungsgemäß bis 2020 mit einer Millionen Barrel am Tag um etwa ein Fünftel zusammenschrumpfen. In Deutschland könnte dies zu einer Schließung von bis zu fünf traditionellen Mineralölraffinerien führen“, sagt Lewe.

Lesen Sie hier unsere Publikation "Structural Shift in EU Energy Portfolio ahead"

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