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A.T. Kearney-Studie: Internationaler und europäischer Gasmarkt vor gravierenden Veränderungen – bis 2014 Gaspreisanstieg von 30 bis 40 Prozent erwartet, danach Preisverfall und Überkapazitäten – Druck auf Geschäftsmodelle von Gasunternehmen im Up- und Midstream steigt
Bis 2014 Gaspreisanstieg von 30 bis 40 Prozent erwartet

Düsseldorf/Berlin, 08. November 2011

Das Jahr 2015 wird zu einem Wendejahr auf den globalen und europäischen Gasmärkten. Nach einem drastischen Anstieg der Preise um 30 bis 40 Prozent und einem sich weltweit verknappenden Gasangebot bis 2014 wird es ab 2015 weltweit zu Überkapazitäten und einem Einbruch der Gaspreise kommen. Damit einhergehend werden die Handelsmärkte für den Gasbezug deutlich an Bedeutung gewinnen. Dies geht aus einer Studie der Unternehmensberatung A.T. Kearney hervor, in der die langfristigen Entwicklungen auf dem internationalen und europäischen Gasmarkt und die weltweite Nachfrage nach Gas und Flüssiggas (LNG) untersucht wurden. Diese wurde heute im Rahmen einer Pressekonferenz in Berlin vorgestellt. Gasproduzenten sollten ihre Handelsaktivitäten daher stark ausbauen und die Ölpreiskopplung in den Gaslieferverträgen deutlich verringern. Die importierenden Unternehmen sind gezwungen, ein flexibles Gasbezugsportfolio auf- und Handelsaktivitäten auszubauen. Vertikal integrierte Geschäftsmodelle werden an Bedeutung verlieren.

„Der europäische Gasmarkt ist in den letzten Jahren durch die Veränderungen bei Angebot und Nachfrage enorm in Bewegung geraten. So ist im Zuge der Wirtschaftskrise nicht nur der Gasverbrauch eingebrochen, sondern auch die Herkunft des Gases hat sich massiv verändert und Europa stärker an die internationalen Gasmärkte herangerückt“, sagt Florian Haslauer, Partner bei A.T. Kearney und Leiter des europäischen Beratungsbereiches Energiewirtschaft.

Importe von Pipelinegas sind in den vergangenen beiden Jahren signifikant zurückgegangen, wohingegen der Import von Liquefied Natural Gas (LNG), d.h. von verflüssigtem Erdgas, in den Jahren 2009 und 2010 um 11 bzw. 18 Milliarden Kubikmeter angestiegen ist.

„Diese Entwicklung lässt sich auf günstige LNG-Spotmengen zurückführen, die aus einem weltweiten Überangebot resultierten. Daraus folgte, dass sich die börsenbasierten Gaspreise von jenen der langfristigen Importverträge abgekoppelt und Preisniveaus erreicht haben, die um die Hälfte niedriger waren als die an den Ölpreis gekoppelten Importverträge. Für die Gasbranche bedeutete dies EBIT-Einbrüche von bis zu 35 Prozent bei den Produzenten und Milliardenverlusten auf der Importstufe“, so Haslauer.

Steigerung der Gasimporte trotz schwachem Gasverbrauchswachstum erwartet

Die A.T. Kearney-Studie zeigt, dass Gas als Energieträger auf globaler Ebene mit einem jährlichen Wachstum von 1,7 Prozent immer bedeutender wird. Für das Gasverbrauchswachstum in Europa erwartet A.T. Kearney allerdings nur eine Zunahme von 0,4 Prozent pro Jahr.

„Der durch Fukushima bedingte teilweise Wechsel von Nuklear zu Gas in der europäischen Stromerzeugung führt bis 2020 zu einem erwarteten Mehrverbrauch von 20 bis 40 Milliarden Kubikmeter jährlich“, so Kurt Oswald, Partner im Bereich Energiewirtschaft bei A.T. Kearney und Leiter der Studie: „Auch ohne Fukushima ist die erwartete Zunahme der Gasverstromung der wesentliche Wachstumstreiber. Auf dem Wärmemarkt verliert Gas schon seit einigen Jahren an Bedeutung.“

Eine sinkende Eigenproduktion in Europa führt jedoch trotz der erwarteten flachen Gasverbrauchsentwicklung zu einer Steigerung der Gasimporte um 26 Prozent von derzeit 327 Milliarden Kubikmeter auf 413 Milliarden Kubikmeter. Allerdings fällt diese deutlich niedriger aus, als noch vor einigen Jahren erwartet, als deutlich mehr als eine Verdoppelung der Importvolumina erwartet wurde.

Überkapazitäten bei der Importinfrastruktur zu erwarten

Derzeit wird die Gasimportinfrastruktur sowohl bei Pipelinegas als auch bei LNG massiv ausgebaut. So ergibt eine konservative Bewertung der sich im Bau und in der Planung befindlichen Importinfrastrukturprojekte eine Zunahme der Pipelinekapazitäten um mehr als 65 Prozent und mehr als eine Verdoppelung der Kapazitäten der LNG-Importterminals bis 2020.

Aufgrund des zu erwartenden massiven Aufbaus von Importkapazitäten ist selbst in einem konservativen Fall ab 2020 von Überkapazitäten in Höhe von 77 Milliarden Kubikmeter pro Jahr auszugehen.

„Nur bei einer Fortführung des historischen Gasverbrauchswachstums von etwas mehr als 2 Prozent wären die Kapazitäten auf historischem Niveau ausgelastet – dies ist unserer Studie zufolge jedoch unwahrscheinlich“, so Haslauer: „Vor diesem Hintergrund sollten geplante Investitionen in Importinfrastruktur kritisch überprüft und im Zweifel Investitionsentscheidungen verschoben werden.“

Gleichzeitig erwartet A.T. Kearney einen verstärkten Wettbewerb zwischen Pipelines und LNG-Importterminals um Kunden auf der Importstufe, was mit einem zunehmenden Druck auf die Tarife verbunden ist. Dies würde insbesondere kurzfristig verfügbarem LNG (Spot-LNG) in Zeiten eines Überangebotes zugutekommen, wie es bereits 2009 und 2010 der Fall war.

Neue „Gasblase“ ab 2015 zu erwarten

Die globalen Gasmärkte sind seit den 80er Jahren um jährlich 2,5 Prozent gewachsen. Auf globaler Ebene – im Unterschied zu Europa – wird der Gasbedarf bis 2020 mit derselben Geschwindigkeit weiterwachsen. Auf der Angebotsseite erfolgt bei einer rückläufigen Produktion in Europa vor allem ein deutlicher Ausbau der Gasförderung im Nahen und Mittleren Osten sowie in der Region Asia-Pacific. Im Fokus steht dabei LNG.

In den letzten Jahren gab es einen starken Hype um LNG mit prognostizierten jährlichen Wachstumsraten von 8 bis 9 Prozent in dieser Dekade. Die A.T. Kearney-Analysen ergeben eine Steigerung der weltweiten LNG-Nachfrage von 3,1 bis 4,5 Prozent pro Jahr bis 2020. Dies stellt eine deutliche Verlangsamung des globalen Marktwachstums für LNG dar.

Für Europa wird eine Nachfragesteigerung nach LNG von derzeit rund 80 Milliarden Kubikmeter auf 113 Milliarden Kubikmeter erwartet, was einer Zunahme von 42 Prozent im Zehnjahreshorizont entspricht. Auf der Angebotsseite erfolgt bis 2020 ein starker Zubau von Terminalkapazitäten zur Gasverflüssigung.

„Während die Nachfrage bis 2020 um bis zu 164 Milliarden Kubikmeter steigen wird, erwarten wir einen Zuwachs der Kapazitäten der weltweiten Gasverflüssigungsanlagen von bis zu 260 Milliarden Kubikmeter“, sagt Oswald: „Bis 2014 werden wir eher eine Verknappung am weltweiten LNG-Markt sehen. Dies ist auf eine steigende Nachfrage bei nur geringfügig wachsenden Gasverflüssigungskapazitäten zurückzuführen. Ab 2015 bis Ende der Dekade rechnen wir allerdings mit deutlichen Überkapazitäten und einer weltweiten ‚LNG-Blase‘.“

Nach mittelfristigem Gaspreisanstieg Preisverfall ab 2015 erwartet

Der A.T. Kearney-Studie zufolge wird es in den nächsten drei Jahren auf den europäischen Großhandelsmärkten zu Gaspreissteigerungen von 30 bis 40 Prozent auf 30 Euro pro Megawattstunde (MWh) im Jahresdurchschnitt kommen. Damit findet de facto eine Kopplung der Großhandelsmärkte an den Ölpreis statt.

„Einhergehend mit dem erwarteten weltweiten LNG-Überangebot gehen wir jedoch ab 2015 von einen deutlichen Rückgang der Gaspreise von bis zu 60 Prozent auf zeitweise 12 bis15 Euro pro MWh bei hohen Preisschwankungen aus. Spätestens dann werden sich die Gashandelsplätze als Preisreferenzpunkte gegenüber ölpreisindizierten Verträgen durchsetzen“, erläutert Oswald.

Kritisches Hinterfragen der Geschäftsmodelle notwendig

„Die zu erwartenden Entwicklungen auf den internationalen und europäischen Gasmärkten haben für die einzelnen Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette gravierende Auswirkungen“, so Oswald: „So wird sich die Position der Produzenten und Importeure in den nächsten zwei bis drei Jahren durch die Erholung der europäischen Gaspreise verbessern.“

Erdgasproduzenten sollten daher diese Zeitspanne bis zu einem erwarteten neuerlichen Gaspreisverfall ab 2015 nutzen, um ihre Handelskompetenzen weiter auszubauen und hinsichtlich Vertragslaufzeiten, Minimalabnahmemengen und einer großhandelsmarktbasierten Preisgestaltung flexibler zu werden.

Für die europäischen Importeure von Erdgas gilt es, neben der Durchführung konsequenter Kostensenkungsprogramme ihr Gasbezugsportfolio robuster gegen Preisschocks auszugestalten und dabei den Anteil einer großhandelsmarktbasierten Beschaffung zu erhöhen. In diesem Zusammenhang sind die Unternehmen gefordert, ihre Gashandelsaktivitäten auszubauen und angesichts erwarteter Überkapazitäten bei der Importinfrastruktur Investitionen kritisch zu hinterfragen und im Zweifel zurückzustellen.

„Mit zunehmender Bedeutung der Gashandelsmärkte werden zudem vertikal integrierte Geschäftsmodelle an Wichtigkeit verlieren – ohnehin werden vertikale Synergien aus unserer Sicht derzeit häufig noch überschätzt“, so Haslauer.

Aber auch Regionalversorger und Stadtwerke werden mit einem höheren Wettbewerbsdruck durch den erleichterten Gaszugang von Wettbewerbern in den Großhandelsmärkten rechnen müssen. Desweiteren gilt es für sie, den Ausbau der Portfolio- und Risikomanagementkompetenzen im Bereich Gas voranzutreiben.

Auf der Endverbraucherstufe sind vor allem Industrie- und große Gewerbekunden von den erwarteten Gaspreissteigerungen betroffen. „Industrie- und große Gewerbekunden in Deutschland haben stark von den niedrigen Gaspreisen auf den Handelsmärkten profitiert. In den kommenden drei Jahren werden sie sich allerdings auf eine erhöhte kumulierte Belastung im Gaseinkauf von 1,7 bis 2,8 Milliarden Euro einstellen müssen“, stellt Oswald abschließend fest.


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