A.T. Kearney-Studie untersucht Auswirkungen des Kernenergieausstiegs: Deutschland auf veränderte Rahmenbedingungen noch nicht ausreichend vorbereitet – derzeitiges Marktmodell verhindert notwendige Investitionen in Erzeugungsanlagen und gefährdet Versorgungssicherheit – wettbewerblicher Kapazitätsmarkt als möglicher Ausweg. Kernenergieausstieg: Weichen für neuen Energiemix noch nicht gestellt Düsseldorf, 28. Juni 2011
Für das Erreichen der Energiewende in Deutschland und Europa sind die Rahmenbedingungen noch nicht geschaffen. Um die Versorgungssicherheit nicht zu gefährden, ist eine massive Veränderung von Infrastruktur und Technologie notwendig. Neben Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz und dem Ausbau der Netze gilt es insbesondere zusätzliche flexible Erzeugungskapazitäten zu schaffen, um Schwankungen bei der Einspeisung erneuerbarer Energien auszugleichen. Insbesondere Gas- und Dampf-Kombikraftwerke (GuD-Kraftwerke) können diese Lücke schließen. Das derzeitige Marktdesign, das auf einem grenzkostenbasierten Preisbildungsmechanismus beruht, bietet jedoch zu wenige Investitionsanreize für den Bau neuer flexibler Erzeugungs- und Speicherkapazitäten. Dies geht aus einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung A.T. Kearney hervor. Eine Erweiterung des Marktmodells um Elemente eines Kapazitätsmarktes kann die nötigen Investitionsanreize schaffen und letztlich dazu beitragen, die Versorgungssicherheit in Deutschland zu gewährleisten und eine Systemkrise abzuwenden. Hierfür sind Politik, Energieversorger und der Regulator gleichermaßen gefragt.
Die Diskussion um die Versorgungssicherheit im Bereich Energie hat in den letzten Jahren eine fundamentale Veränderung erfahren. Von einem Nischenthema noch Anfang der 70er Jahre hat sich die Frage nach dem geeigneten Energiemix der Zukunft zu einer Fragestellung mit hohem emotionalem Mobilisierungspotenzial entwickelt.
„Die Folgen von Fukushima und der damit verbundenen Entscheidung Deutschlands aus der Kernenergie auszusteigen, haben den Trend zu einem Systemwechsel in der Energiewirtschaft nun beschleunigt – auf eine schnelle Energiewende ist Deutschland jedoch noch nicht vorbereitet“, sagt Wolfgang Haag, Partner im Beratungsbereich Energiewirtschaft bei A.T. Kearney und Leiter der Studie: „Um die Energiewende zu erreichen, ist eine massive Veränderung der Infrastruktur und Technologie notwendig – die Rahmenbedingungen sind hierfür jedoch noch nicht geschaffen.“
Neben Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz und damit der Senkung des Energieverbrauchs sind insbesondere auch der Ausbau von Speicherkapazitäten sowie der Ausbau und die Modernisierung der Netze (Super/Smart Grids) notwendig. Aber auch die Europäisierung des Energiemarktes und die Schaffung eines europaweiten Emissionshandels müssen zügig weiter vorangetrieben werden.
„Durch den massiven Ausbau der erneuerbaren Energien müssen zudem zusätzliche flexible Erzeugungs- und Speicherkapazitäten geschaffen werden“, sagt Haag: „Schwankungen bei der Einspeisung von erneuerbaren Energien und den Rückgang in der nuklearen Erzeugung können zum Beispiel GuD-Anlagen ausgleichen. Ihnen kommt aufgrund ihres flexiblen Einsatzes und des vergleichsweise geringeren CO2-Ausstoßes zukünftig eine bedeutende Rolle zu.“
Weiterhin Investitionen in flexible Erzeugungs- und Speicherkapazitäten notwendig
Die Entwicklung der Erzeugungskapazitäten – zum Beispiel der Zubau von GuD-Anlagen, aber auch von flexiblen Steinkohlekraftwerken sowie Speicherkapazitäten – setzt Investitionsanreize voraus. Diese sind jedoch angesichts dauerhaft niedrigerer Strompreise nicht in ausreichendem Maße gegeben. So zeigt die A.T. Kearney-Studie, dass trotz des aktuellen politischen Willens selbst GuD-Neubauten unter den gegebenen Bedingungen nicht wirtschaftlich sind.
Es müssen ausreichende Investitionsanreize geschaffen werden, sonst ist durch den Ausstieg aus der Kernenergie die Versorgungssicherheit in Deutschland in Gefahr.
„Bis 2050 sind allein für flexible GuD-Anlagen Investitionen in Höhe von mehr als 19 Milliarden Euro notwendig, hierbei sind Ersatzinvestitionen für Kohlekraftwerke nicht berücksichtigt“, so Hanjo Arms, Partner bei A.T. Kearney im Bereich Energiewirtschaft und Co-Autor der Studie. Da das derzeitige Marktdesign, das die Strompreise ausschließlich über die Merit-Order auf Basis der Grenzkosten festsetzt, keine ausreichenden Investitionsanreize mehr schafft, ist es notwendig, weitreichende Alternativen zu betrachten.
„Letztlich heißt es für Entscheidungsträger aus Politik und Energiewirtschaft drei Optionen abzuwägen“, sagt Arms: „Die Beibehaltung des bisherigen Marktdesigns würde, wie unsere Studie zeigt, zwangsläufig zu einer Systemkrise führen, da nicht mehr in ausreichendem Maße investiert würde. Eine zweite Option wäre die direkte Unterstützung von Kraftwerksinvestitionen durch Subventionen. Mit einem solchen Verfahren wurden jedoch gerade in jüngerer Vergangenheit, zum Beispiel im Bereich erneuerbarer Energien, nicht nur positive Erfahrungen gemacht. Weitere Subventionen wären politisch schwer zu vermitteln. Unsere Empfehlung ist daher die Weiterentwicklung des bisherigen Marktdesigns um Elemente eines wettbewerblichen Kapazitätsmarktes. Mit diesem wurden in anderen Märkten wie in Neuengland in den USA und weiteren Regionen bzw. Netzgebieten an der Ostküste bereits Erfahrungen gemacht.“
Voraussetzungen für wettbewerblichen Kapazitätsmarkt schaffen
Ziel eines wettbewerblichen Kapazitätsmarktes, der in einigen internationalen Märkten als Ergänzung zu reinen Energiemärkten umgesetzt wurde, ist die Vermeidung von Kapazitätsengpässen im Erzeugungssystem. Dies wird durch Erlöse zur Deckung der fixen Kosten – insbesondere Investitions- bzw. Kapitalkosten – sichergestellt. Kapazität wird dabei als eigenes Produkt zusätzlich zur gehandelten Energie verstanden.
Es gibt bereits zahlreiche unterschiedliche Konzepte, die in verschiedenen Märkten entwickelt und eingesetzt wurden. Grundsätzlich sind alle Konzepte als Ergänzung zu den existierenden Energiemärkten zu verstehen und nicht als Ersatz. Insbesondere wettbewerbliche Kapazitätsmärkte mit mehrjährigem Handelshorizont wie das Reliability Pricing Model (RPM) und Forward Capacity Market (FCM) sind wegweisend für die weiteren Entwicklungen.
„Um Elemente eines wettbewerblichen Kapazitätsmarktes in Deutschland einzuführen, ist jedoch von Seiten der Politik der Wille notwendig, gestaltend tätig zu werden und öffentlich zu vermitteln, dass zusätzliche flexible Kapazitäten für den Ausbau der erneuerbaren Energien unverzichtbar sind“, so Dr. Matthias Witzemann, Co-Autor der Studie: „Sowohl die großen Energieversorger als auch die Stadtwerke sollten ein gemeinsames Interesse an der Schaffung von Investitionsanreizen zum Beispiel durch wettbewerbliche Kapazitätsmarktselemente haben.“
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