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A.T. Kearney Branchenstudie untersucht die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise auf die Chemieindustrie – Um als Gewinner aus der Krise hervorzugehen, sind immense Hausaufgaben zu schultern – Neue Wettbewerber aus Nahost wittern Chancen, die Schwächen einzelner Marktteilnehmer in der Krise zu nutzen, um Zugang zu westlichen Märkten und Know-how zu gewinnen.
Deutsche Chemieindustrie: Neuer Wettbewerb aus Nahost

Düsseldorf, 06. April 2009

Die Wirtschaftskrise hat die deutsche Chemieindustrie hart getroffen. Im ersten Halbjahr 2009 werden sich Gewinnsituation und Liquidität weiter verschlechtern. Als Folge ist mittelfristig eine deutliche Zunahme der M&A-Aktivitäten zu erwarten, da viele Unternehmen verstärkt Investoren suchen und auch Bereiche ausgliedern werden, die keinen hinreichenden Wertbeitrag leisten. Ziel der Unternehmen ist es, kurzfristig Liquidität zu generieren. Prädestiniert für einen Einstieg in die deutsche Chemie sind dabei insbesondere Investoren aus dem Nahen Osten. Bereits von 2007 auf 2008 hatte sich in Europa die Anzahl von Transaktionen in der chemischen Industrie unter Beteiligung von Firmen aus Nahost mehr als verdoppelt. Aus der Kombination von Rohstoffvorteilen im Nahen Osten und Kundenzugang in den etablierten westlichen Märkten kann eine neue Klasse an Chemieunternehmen mit entscheidenden Wettbewerbsvorteilen entstehen. Das geht aus einer aktuellen Studie hervor, in der die Top-Management-Beratung A.T. Kearney die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die Chemiebranche untersucht hat.

Konjunkturschwächen hat es in der Chemieindustrie immer wieder gegeben, aktuell sieht sich die Branche jedoch einer neuen Art von Krise gegenüber. Seit Monaten kämpfen die Chemieunternehmen mit sinkenden Erlösen und Erträgen, maßgeblich bedingt durch Konjunktureinbrüche bei den wesentlichen Abnehmerindustrien wie der Automobil-, Bau- oder Textilbranche. Viele Player haben kurzfristig mit entsprechenden Gegenmaßnahmen reagiert, um Kosten zu senken und Kapital freizusetzen. Produktionsstätten und –anlagen wurden vorübergehend geschlossen, Investitionen verschoben und Arbeitszeiten flexibilisiert.

„Angesichts zunehmender Liquiditätsprobleme, denen sich viele Chemiefirmen gegenübersehen, hat eine kurzfristige Optimierung der Kapitalposition für viele Führungskräfte derzeit oberste Priorität. Da vorerst jedoch mit keiner substanziellen Verbesserung der Ertragslage zu rechnen ist, werden Cash Reserven weiter schrumpfen und die kurzfristig angestrebten Maßnahmen nicht ausreichen, um die Krise zu meistern“, beschreibt Dr. Tobias Lewe, Partner bei A.T. Kearney, den Engpass, auf den die Chemiebranche in Deutschland zusteuert.

In einer aktuellen Studie hat A.T. Kearney die kurz- und mittelfristigen Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise auf die Chemiebranche untersucht. Danach werden sich Gewinnsituation und Liquidität auch im ersten Halbjahr 2009 weiter verschlechtern. Im vierten Quartal 2008 lag beispielsweise der EBIT-Wert definierter Chemieunternehmen in Deutschland bereits um 81 Prozent unter dem Vergleichswert des Vorjahres. Die Liquidität der Unternehmen lag 2008 um 36 Prozent unter Vorjahresniveau. Jüngste Prognosen für 2009 lassen eine weitere Verschlechterung erwarten. Dabei sind viele deutsche Chemieunternehmen im Vergleich zu ihren europäischen Wettbewerbern noch relativ gut aufgestellt.

Auch in der Chemie zunehmende Investitionen aus Nahost

„Als Konsequenz aus den immer knapper werdenden Finanzmitteln rechnen wir damit, dass Unternehmen verstärkt diejenigen Geschäftsbereiche ausgliedern werden, die nicht die gewünschten Skaleneffekte erbringen und der Wirtschaftlichkeit abträglich sind“, so Lewe. „Wir werden in naher Zukunft eine deutliche Zunahme der M&A-Aktivitäten sehen, die zu einer grundlegenden Veränderung der Wettbewerbslandschaft führen wird.“

Der Wettlauf um die Gunst zahlungsfähiger Investoren hat damit begonnen und wird sich beschleunigen, sollte sich die Marktnachfrage nicht kurzfristig erholen. „Angesichts der Dimension der Krise und ihrer Auswirkungen auf die Gewinnsituation vieler Unternehmen gehen wir davon aus, dass nur eine begrenzte Zahl der deutschen Chemiefirmen selbst über die für Akquisitionen notwendigen Mittel verfügt. Im Gegensatz dazu werden Player aus dem Nahen Osten ihren M&A-Anteil deutlich erhöhen“, so Andreas Pohl, Berater bei A.T. Kearney und Verfasser der Studie. Durch den strategisch günstigen Rohstoffzugang, Größen- und Technologievorteile bei den Chemieanlagen und höhere verfügbare finanzielle Mittel sind Investoren aus dieser Region in der Lage, die deutsche Chemielandschaft von Grund auf zu verändern. Bereits im Zeitraum 2004 bis 2008 war die weltweite Anzahl Deals im Bereich der Chemie unter Beteiligung von Firmen aus dem Nahen Osten kontinuierlich angestiegen. Allein für Europa hat sich die Anzahl der Transaktionen von 2007 auf 2008 mehr als verdoppelt. „Derzeit stellen vor allem deutsche Chemiefirmen attraktive Investitionsziele dar: Sie bieten Zugang zu westlichen Märkten, F&E-Expertise sowie etablierte Marken. Darüber hinaus befinden sich die Börsenkurse vielfach auf absolutem Tiefststand“, so Pohl. Die aktuelle Investition des Emirats Abu Dhabi in die Daimler AG ist ein Beispiel einer solchen Transaktion in der Automobilindustrie.

Die Untersuchung hat zusätzlich ergeben, dass ein zunehmendes Engagement von Playern aus Nahost nicht alle Geschäftsfelder der Chemie gleichermaßen betreffen wird: Während jüngste und auch zukünftig geplante Investitionen in neue petrochemische Kapazitäten im Nahen Osten eher die Frage nach der Überlebensfähigkeit entsprechender Standorte in Europa treibt, ist zu erwarten, dass Investitionen aus dem Nahen Osten eher in nachgelagerte Wertschöpfungsstufen der Chemie fließen werden. Dies würde Investoren aus dieser Region helfen, die eigene Wertschöpfungskette im Sinne einer vertikalen Integration zu erweitern und somit Auslässe für petrochemische Exportvolumina zu sichern.

Neue Klasse an Chemiefirmen

Hinter dieser Entwicklung verbergen sich allerdings auch wichtige Chancen für deutsche Firmen. Sie erhalten durch die Beteiligung von Investoren aus dem Nahen Osten Zugang zu den benötigten Finanzmitteln, um in der Krise zu bestehen. Durch Akquisitionen im Kerngeschäft können Chemieunternehmen in Deutschland ihre Marktposition sogar noch ausbauen. Zudem kommt der damit einhergehenden strategischen Liefersicherheit von Rohstoffen eine wichtige Bedeutung zu. „Unternehmen aus dem Nahen Osten können deutsche Chemiefirmen dabei unterstützen, die Weichen zu stellen, um sich für die Zeit nach der Krise richtig zu positionieren“, so Dr. Otto Schulz, Partner bei A.T. Kearney. Investoren aus dem Nahen Osten werden vor allem Akquisitionen anstreben, die ihnen Zugang zu kritischem Wissen, neuen Technologien und Kundenzugang bieten. „Dadurch kann eine völlig neue Klasse von Chemiefirmen entstehen, die durch die Kombination von Rohstoffvorteilen auf der arabischen Halbinsel und Kundenzugang in den etablierten westlichen Märkten über entscheidende Wettbewerbsvorteile verfügen“, sagt Schulz.

Nachhaltige Restrukturierung

„Um eine anhaltende Rezession gut zu durchschiffen, kommt es für Unternehmen jetzt darauf an, zwei Stoßrichtungen zu verfolgen: Schnelle, kurzfristige Maßnahmen zur unmittelbaren Verbesserung von Liquidität und Kostensituation müssen mit strategischen Entscheidungen und Investitionen zur langfristigen Erfolgssicherung verbunden werden. Im Sinne einer nachhaltigen Restrukturierung können Unternehmen der Chemieindustrie auf diese Weise nicht nur die Krise überstehen, sondern sogar gestärkt aus ihr hervorgehen“, fasst Lewe die wesentliche Handlungsempfehlung für Unternehmen zusammen.


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