A.T. Kearney-Studie wirft einen Blick in die Zukunft der IT-Industrie Geht die deutsche IT-Industrie als Sieger aus der Finanzkrise hervor? Düsseldorf/München, 12. Februar 2009
Unternehmen erkennen zunehmend, dass sie mit innovativen IT-Lösungen, beispielsweise in Produkten oder zur Verbesserung der Interaktion mit dem Kunden, positive Impulse für ihren Umsatz schaffen können. So werden die IT-Ausgaben und Investitionen deutscher Unternehmen bis zum Jahr 2020 mit einer jährlichen Wachstumsrate von durchschnittlich drei Prozent auf über 180 Milliarden Euro ansteigen. Das geht aus einer aktuellen Studie der Top-Managementberatung A.T. Kearney und der TU Darmstadt hervor, die heute in München vorgestellt wurde. Mit der zunehmenden Bedeutung der Informationstechnologie in Unternehmen wachsen in den nächsten Jahren auch die Einnahmen der IT-Industrie.
Stark überdurchschnittliches Wachstum zeigt sich mit 8,5 Prozent vor allem beim Einsatz von IT-Komponenten in Produkten, mit denen besonders deutsche High-Tech-Unternehmen ihre Angebote vermehrt zu „hybriden Produkten“ aufwerten. Durch verbesserte Funktionalitäten und Differenzierung gegen die Konkurrenz aus Fernost werden IT-getriebene Funktionalitäten hier zu einem wichtigen Umsatztreiber. „IT macht im Wettbewerb zunehmend den Unterschied: Innovative Unternehmen haben bereits vor einigen Jahren damit begonnen, über IT-Lösungen in Produkten erfolgreich Umsätze zu sichern und Kosten herunterzufahren. Das merken nun die anderen Unternehmen und investieren enorme Summen, um hier aufzuholen“, sagt A.T. Kearney-Partner Dr. Marcus Eul, Co-Autor der Studie.
Hohes Wachstum zeigen mit durchschnittlich sechs Prozent pro Jahr ebenfalls die Ausgaben für Applikation zur Kundenintegration, wie etwa Online-Konfiguratoren oder Kundenportale. Auch dieses Segment erkennen Unternehmen aller Branchen zunehmend als Wachstumstreiber, und besetzen es vorzugsweise mit eigenentwickelten Applikationen.
Deutsche IT-Unternehmen können von dieser Entwicklung profitieren, müssen allerdings zunächst ihre Angebote noch besser auf die neuen Anwendungsfelder ausrichten. So fehlen in den potenziellen Wachstumsfeldern meist noch weitgehend globale Standards. In Summe avanciert die IT-Industrie jedoch immer mehr zu einem entscheidenden wirtschaftlichen Wachstumsmotor.
„Nach einem weiterhin schweren Jahr 2009 realisiert die deutsche IT-Branche bis zum Jahr 2020 Wachstumsraten von durchschnittlich 3,9 Prozent pro Jahr und liegt damit knapp 0,5 Prozent über dem zu erwartenden Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP)“, sagt A.T. Kearney-Partner Holger Röder: „Der Bereich Embedded Systeme – also IT in Produkten – wird mit durchschnittlich 8,5 Prozent pro Jahr am rasantesten wachsen – und dabei zahlreiche Arbeitsplätze für hoch qualifizierte Mitarbeiter schaffen, die mittelfristig nicht in Niedriglohnländern ausgelagert werden können.“ Gerade in diesem Bereich besteht jedoch für die IT-Unternehmen noch ein enormer Nachholbedarf. Fehlende Industriestandards für den IT-Einsatz in Produkten verteuern und verlangsamen die Entwicklung dieser Produkte und führen in der Nutzung zu hohen Betriebsaufwänden.
Ein weiterer wesentlicher Wachstumstreiber für die IT-Industrie liegt in der Entwicklung neuer Arten individueller, meist web-basierter Anwendungen zur Kundenkommunikation wie zum Beispiel „x 2.0“ und Business-to-Business-Schnittstellen. Dabei geht es vor allem um eine verbesserte Kundenpflege und -kommunikation, die zu einem zentralen Erfolgsfaktor auf Seiten der Kundenindustrien avancieren. „Das E-Commerce ist tot, es lebe das E-Commerce – allerdings in stark weiterentwickelter Form. Den Kunden in Prozesse einzubeziehen, ihm gar Aufgaben zu übertragen, die ‚Customer Energy‘ zu nutzen, sind die Themen der Zukunft“, so Eul. Die Investitionen für solche Applikationen werden mit etwa 6,2 Prozent ebenfalls überdurchschnittlich wachsen und bis 2020 ein Marktvolumen von 17,1 Milliarden Euro erreichen.
„Bis 2020 tritt die IT an die Speerspitze erfolgreicher Unternehmen. Die Kanäle zum Kunden werden von digitalen Medien beherrscht, durch IT verschmilzt der Kunde immer mehr mit seinem Lieferanten, er wird geradezu eingekreist“, so Röder. Softwarehersteller müssen sich hier auch auf neue Software-Lebenszyklen einstellen. Während beispielsweise ERP-Lösungen zum Teil zehn Jahre und länger im Einsatz sind, haben Kundenportale einen wesentlich kürzeren Lebenszyklus. „Ob damit ein Zeitalter der ‚Wegwerfsoftware‘ anbricht, bleibt abzuwarten. Fest steht allerdings, dass die IT-Anbieter hier bedarfsgerechte Angebote entwickeln müssen“, folgert Röder.
Vor dem Hintergrund der Entwicklung in diesen beiden Bereichen werden auch die klassischen Hardware- und Software-Anbieter den Anteil von Service-Komponenten ausbauen, um sich mit ihren Produktangeboten weiterhin differenzieren zu können.
Investitionen in Unternehmensanwendungen und Infrastruktur stagnieren
„Sparen muss der CIO im ‚Brot- und Buttergeschäft‘: Budgets für standardisierte Infrastruktur-, Logistik-Anwendungen sowie ERP-Systeme werden zunehmend unter Druck geraten und das Outsourcing in diesem Bereich wird stetig weiter ausgebaut“, sagt Eul.
Standardisierte Unternehmenssoftware wird auch im Jahr 2020 den größten Marktanteil besitzen – allerdings mit 2,7 Prozent pro Jahr nur unterdurchschnittlich wachsen. In diesem Segment wird vor allem die Nachfrage nach Business Intelligence-Applikationen – zur Optimierung von Geschäftsentscheidungen – und Customer Relationship Systeme (CRM) – zur Wertsteigerung der Kundenbeziehungen – weiter ansteigen.
Die geringsten Wachstumsraten sind mit jährlich 0,3 Prozent im Bereich IT-Infrastruktur zu erwarten. Das hier zu antizipierende Marktwachstum, beispielsweise im Bereich Datenspeicherung, wird nach Meinung der A.T. Kearney-Experten durch einen enormen Preisverfall im Bereich Hardware und Services relativiert. „Hier gilt: ‚IT does not matter!‘ – aus dem Hardware-Sektor flüchten alle – Anbieter wie IBM durch Desinvestition, Industrie-Unternehmen durch Asset Outsourcing“, so Eul.
Auswirkungen auf die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung
Das Wachstum der IT-Branche hat wegen des Multiplikator-Effekts starke Auswirkungen auf die gesamtwirtschaftlichen Entwicklungen. Die Förderung von IT-Investitionen unterstützt im Gegensatz zu zahlreichen anderen Branchen im vollen Umfang auch die Gesamtwirtschaft. Dabei ist vor allem auch die Politik gefordert, entsprechende Investitionsanreize zu setzen und Rahmenbedingungen für erfolgreiches Wachstum der IT-Industrie zu schaffen: „Wann kommt die Abwrack-Prämie für alte IT-Systeme?“, fordert Holger Röder.