A.T. Kearney-Studie zur Zukunft der erneuerbaren Energien: EU- Klimaziele machen strukturelle Veränderungen in der Energiewirtschaft notwendig – Wachstumspotenziale für deutsche Unternehmen vor allem in ausländischen Märkten
Wachsen mit Windkraft und Biomasse

Düsseldorf, 22. Oktober 2007
Um den Bedarf an erneuerbaren Energien in Europa zu decken, ist die Neu-Installation einer Leistung von bis zu 340 Gigawatt bis 2020 notwendig. Die damit verbundenen Investitionen mit den Schwerpunkten Windkraft und Biomasse belaufen sich auf insgesamt bis zu 650 Milliarden Euro. Das geht aus einer aktuellen Studie der Top-Managementberatung A.T. Kearney hervor. Allein in Deutschland kommt ein Investitionsbedarf von 30 bis 75 Milliarden Euro auf die Energieversorger zu. Diese können dadurch mit bis zu 160 Terrawattstunden (TWh) pro Jahr am Wachstum internationaler Märkte teilhaben. Für deutsche Anlagenbauer schafft der internationale Ausbau erneuerbarer Energien bis 2020 Wachstumspotenziale in Höhe von bis zu 265 Milliarden Euro. Insgesamt wird die Stromerzeugung aus Biomasse von 48 TWh im Jahr 2005 auf bis zu 347 TWh im Jahr 2020 steigen. Bei der Windenergie erwarten die A.T. Kearney-Experten einen Zuwachs von etwa 80 TWh auf bis zu 548 TWh.
„Die Ziele der Europäischen Union, den Anteil der erneuerbaren Energien am europäischen Gesamtenergieverbrauch bis zum Jahr 2020 auf 20 Prozent zu steigern, stellt die Energiewirtschaft vor große Herausforderungen“, sagt Wolfgang Haag, Vice President in der Utilities Practice bei A.T. Kearney und Leiter der Studie: „Selbiges gilt für das Energie- und Klimaprogramm der Bundesregierung, das eine Steigerung des Anteils der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung von derzeit 12 Prozent auf 25 bis 30 Prozent vorsieht.“ Bisher wurde der Ausbau der erneuerbaren Energien vor allem durch politisch bestimmte Subventionsmechanismen vorangetrieben. Dies alleine wird zukünftig allerdings nicht ausreichen, um die europäischen und nationalen Ziele zu erreichen: „Vielmehr ist es notwendig, eine nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit der Technologien für erneuerbare Energien zu fördern, um schrittweise den notwendigen Ausstieg aus den Subventionsmechanismen zu ermöglichen“, so Haag.
Der A.T. Kearney-Studie zufolge macht der Bedarf an erneuerbaren Energien in Europa eine neu zu installierende Leistung von 140 bis 340 Gigawatt notwendig. Dies entspricht einem europäischen Investitionsvolumen von 260 bis 650 Milliarden Euro bis 2020. Allein bei Energieversorgern in Deutschland entstünde ein Investitionsbedarf von 30 bis 75 Milliarden Euro.
Der Anteil der aus erneuerbaren Energien erzeugten Strommenge in der EU wird von 510 TWh im Jahr 2005 auf 980 bis 1.540 TWh im Jahr 2020 ansteigen. Dabei werden Wind und Biomasse den größten Anteil am Technologie-Mix aus erneuerbaren Energien ausmachen. So wird die Stromerzeugung aus Biomasse von 48 TWh im Jahr 2005 auf 148 bis 347 TWh im Jahr 2020 steigen, bei der Windenergie erwartet A.T. Kearney ein Anwachsen von 80 TWh auf 331 bis 548 TWh. Aber auch Zukunftstechnologien wie Solar- und Wellenkraft werden an Bedeutung gewinnen, jedoch bis 2020 noch nicht wesentlich zum Volumenwachstum beitragen.
Strukturelle Veränderungen zum Erreichen der EU-Ziele erforderlich
Um die Zukunft der erneuerbaren Energien im Hinblick auf die EU-Ziele und das nationale Klima- und Energieprogramm bewerten zu können, hat A.T. Kearney drei verschiedene Szenarien untersucht und die sich daraus ergebenden Implikationen für die Energiewirtschaft und Politik abgeleitet. Die Szenarien zeigen dabei einen unterschiedlichen Handlungsbedarf für die Akteure auf.
Bei weiterhin überwiegend von nationalen Subventionsmechanismen getriebenen Investitionen in erneuerbare Energien und einer breiten Streuung der Technologien, werden den A.T. Kearney-Berechnungen zufolge die EU-Ziele selbst bei einem Anteil von 26 bis 29 Prozent erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung bis 2020 verfehlt, da sie nur etwa ein Viertel zum EU-Ziel beisteuern würden. Bei fokussierten Fördermitteln und bei erleichterten Genehmigungsverfahren in Bezug auf den Ausbau erneuerbarer Energien in Europa, ist die Zielerreichung ebenfalls mit Risiken verbunden. Hier sind sehr ambitionierte Beiträge der Sektoren Wärme und Transport erforderlich, da der Stromsektor „nur“ etwa 31 bis 35 Prozent der Zielerreichung trägt.
„Eine Erreichung der europäischen Energieziele wird nur dann wahrscheinlich, wenn die zunehmende Wettbewerbsfähigkeit der erneuerbaren Technologien zu hohen Investitionen der Versorgungsunternehmen führen und eine sukzessive Reduktion der Fördermittel möglich wird“, sagt Jochen Hauff, Manager bei A.T. Kearney und Co-Autor der Studie. In diesem Szenario müsste der Stromsektor bis zu 44 Prozent der Zielerfüllung tragen. Dazu sind allerdings deutliche Weichenstellungen seitens der Gesetzgeber notwendig, um die entsprechende Investitionssicherheit für die Unternehmen zu schaffen. Für die Energiewirtschaft wäre dies mit enormen strukturellen Veränderungen verbunden, da sie in diesem Fall 41 bis 46 Prozent der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien leisten müsste.
„Unsere Studie zeigt, dass die Energiewirtschaft selbst im ehrgeizigsten Szenario die Umsetzung der EU-Ziele nicht im Alleingang sicherstellen kann“, sagt Hauff: „Insbesondere die Sektoren Wärme und Transport müssen in allen Fällen signifikante Beiträge leisten den Einsatz erneuerbarer Energien um ein Vielfaches erhöhen. Gleichzeitig ist die Umsetzung der ambitionierten Effizienzziele kritische Bedingung für das Erreichen der erneuerbaren Energieziele.“
Strategische Optionen für die Energiewirtschaft
„Die deutschen Energieversorger müssen sich auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereiten und ihre Geschäftsmodelle weiterentwickeln. Nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund, dass sie im europäischen Vergleich noch einen relativ geringen Anteil an erneuerbaren Energien erzeugen, besteht Handlungsbedarf. Die Diskussion von Anfang 2007 um den CO2-Ausstoß einzelner Unternehmen hat gezeigt, dass hier nicht differenziert werden wird, ob es einzelne Akteure aufgrund ihres historisch höheren Anteils an Wasserkraft leichter haben“, so Haag: „Die Expansion in ausländische Märkte, Investitionen in neue Erzeugungstechnologien, der Aufbau von Kooperationen sowie die Akquisition von Zulieferern sind strategische Optionen, auf die sich die deutschen Energieunternehmen fokussieren sollten.“
So bieten europäische Kernmärkte wie Deutschland, Großbritannien, Spanien, Portugal, die Niederlande und Osteuropa, aber auch China, USA und der Mittlere Osten für Energieunternehmen attraktive Wachstumsmöglichkeiten. „Die deutsche Energiewirtschaft kann unserer Studie zufolge bis 2020 allein durch organisches Wachstum mit 85 bis 160 TWh pro Jahr am Wachstum internationaler Märkte partizipieren“, so Haag: „Zudem schafft der internationale Ausbau erneuerbarer Energien bis 2020 für deutsche Anlagenbauer Wachstumspotenziale von 155 bis 265 Milliarden Euro.“
Kooperationen sichern Wettbewerbsfähigkeit
Die Energieversorger sind zudem mit einer neuen Wettbewerbssituation konfrontiert: Neue Marktteilnehmer wie Öl- und Gasunternehmen, Ingenieurdienstleister und große Industrieunternehmen mit Eigenerzeugung stellen eine potenzielle Bedrohung für sie dar. „Deutsche Energieunternehmen sollten daher frühzeitig mit potenziellen Partnern Kontakt aufnehmen, damit ihnen der Wettbewerb nicht zuvorkommt“, so Hauff: „Bei einem passiven Verhalten müssen sie mit Marktanteilsverlusten rechnen, die für die gesamte Branche zu Umsatz- und Gewinneinbußen führen könnte.“
Wachstumsbarrieren durch Akquisitionen abbauen
Kapazitätsengpässe entlang der gesamten Wertschöpfungskette gefährden den Ausbau erneuerbarer Energien. „Wir rechnen mit umfangreichen Akquisitionstätigkeiten der Marktteilnehmer, um im Rahmen einer Rückwärtsintegration – das heißt dem Kauf von Zulieferern – Kapazitäten zu sichern“, so Haag. „Die überwiegend mittelständisch strukturierte Zulieferindustrie in Deutschland ist stark fragmentiert. Es ist daher mit einer beschleunigten Konsolidierung zu rechnen, bei der die deutschen Energieversorgungsunternehmen rechtzeitig aktiv werden müssen.“
Aber auch von Seiten des Gesetzgebers sind Maßnahmen notwendig, um den angestrebten Ausbau der erneuerbaren Energien sicherzustellen. Es bedarf einer EU-weiten Harmonisierung der Fördermechanismen, um Transaktionskosten zu senken und den Aufbau EU-übergreifender Investitionsportfolios zu erleichtern. Zudem müssen bürokratische Hürden für kapitalintensive Projekte abgebaut sowie Forschungsallianzen und die Entwicklung von Fonds im Bereich Forschung und Entwicklung gefördert werden.
Die Autoren der Studie sind Wolfgang Haag, Jochen Hauff und Horst Dringenberg. |