A.T. Kearney untersucht Megatrends 2020 in der Energiewirtschaft – Energieverbrauch wird sich in wenigen Powerzentren überproportional entwickeln – Bedeutung der dezentralen Energieerzeugung wächst
Demografischer Wandel setzt regionale Energieversorger unter Zugzwang

Düsseldorf/Berlin, 04. Juli 2007
Demografischer Wandel, die zunehmende Bedeutung der dezentralen Erzeugungstechnologien sowie die steigende Erzeugung aus erneuerbaren Energiequellen und Gas werden die Energieversorgung in Deutschland und Europa in den nächsten Jahren entscheidend verändern. Bedingt durch Landflucht und eine Zunahme der Stadtbevölkerung konzentriert sich das Bevölkerungswachstum im Jahr 2020 auf wenige Ballungsräume, in denen sich Wirtschaft und Energieverbrauch überproportional stark entwickeln. Dies führt zu einem Ungleichgewicht zwischen regionalem Stromverbrauch und der bislang zentral ausgerichteten Energieerzeugung und lässt Netzgebühren und Strompreise langfristig steigen. Das zeigt eine aktuelle Studie der Top-Managementberatung A.T. Kearney, die heute in Berlin im Rahmen einer Pressekonferenz vorgestellt wurde. Standorte für zentrale Erzeugungsanlagen müssen daher hinterfragt und dezentrale Erzeugungstechnologien neu bewertet werden. Vor allem für regionale Versorger und Stadtwerke mit einem starkem Vertriebs- und Netzfokus gilt es daher, bisherige Geschäftsmodelle und Erzeugungsstrategien zu hinterfragen, um auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereitet zu sein.
„Der demografische Aspekt, der in der Energiediskussion vielfach noch zu kurz kommt, stellt die bisher stark zentralistisch geprägte Energieversorgung vor große Herausforderungen“, sagt Dr. Matthias Cord, Vice President und Leiter der europäischen Utilities Practice bei A.T. Kearney: „Zwar wird die Bevölkerungszahl in Europa bis 2020 voraussichtlich insgesamt nur um 1,2 Prozent auf 496,4 Millionen steigen. Bedingt durch Landflucht und die Zunahme der Stadtbevölkerung wird sich das Wachstum dabei aber vor allem auf wenige Ballungsräume konzentrieren.“ In den so genannten Powerzentren werden die Bevölkerungswachstumsraten bis zum Jahr 2020 um durchschnittlich 4 Prozent über denen des jeweiligen Landes liegen. In Deutschland zählen dazu Hamburg, Bremen, Stuttgart und München, die bis zum Jahr 2020 mit 5,2 Prozent überdurchschnittlich stark wachsen. Der Großraum München nimmt mit 11,7 Prozent Bevölkerungswachstum eine führende Position in Europa ein.
„Die europäischen Powerzentren werden überproportional zum Wirtschaftswachstum beitragen. Hier wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) bis 2020 überdurchschnittlich mit 3,1 Prozent pro Jahr steigen und 0,7 Prozent über dem BIP der übrigen Regionen Europas liegen. In den deutschen Powerzentren erwarten wir eine jährliche Steigerung des BIP von 2,6 Prozent, in den restlichen Regionen Deutschlands nur 1,9 Prozent“, so Cord: „Dies hat Folgen für den Energieverbrauch in Europa: Dieser wächst unseren Berechnungen zufolge in den Powerzentren bis 2020 mit 17 Prozent doppelt so stark wie im europäischen Durchschnitt.“ In Deutschland fällt der Energieverbrauch der Studie zufolge in den Powerzentren allerdings um 0,8 Prozent und außerhalb um 4,5 Prozent.
Regionale Diskrepanz in Verbrauch und Erzeugung
„Gerade in den Regionen, die ein starkes Stromverbrauchswachstum aufweisen, gehen bis zum Jahr 2020 allerdings signifikante Kapazitäten vom Netz“, erklärt Kurt Oswald, Principal bei A.T. Kearney und Leiter der Studie; „Der Bedarf in Bayern wird beispielsweise von 2005 bis 2020 um 29,4 Prozent steigen, die Stromerzeugung durch vom Netz gehende Kraftwerke gleichzeitig jedoch um 51,7 Prozent zurückgehen.“ In Bremen (27,9/87,0 Prozent), Baden-Württemberg (28,2/36,7 Prozent), Hamburg (30,3/27,7 Prozent) und Hessen (23,2/78,9 Prozent) lassen sich ähnliche Entwicklungen prognostizieren.
„Hinzu kommt, dass viele Kraftwerksneubauten überwiegend außerhalb der Wachstumsregionen Deutschlands geplant sind, in den meisten Bundesländern mit hohen Wachstumsraten sind nur geringe Kraftwerkskapazitäten projektiert“, erklärt Oswald. „Das regionale Ungleichgewicht zwischen Erzeugung und Verbrauch nimmt in Deutschland bis 2020 um 14 Prozent zu und verstärkt sich vor allem in den südlichen Bundesländern wie Baden-Württemberg, Bayern und Hessen.“ Die ostdeutschen Bundesländer Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt sowie Niedersachsen und Schleswig-Holstein werden Erzeugungsüberschüsse erzielen. Ein wesentlicher Treiber in den norddeutschen Regionen ist hierfür die starke Zunahme der Windenergie. Von den insgesamt 93,4 Terrawattstunden (TWh), die der A.T. Kearney-Prognose zufolge 2020 in Deutschland durch Windenergie erzeugt werden, werden alleine 81 TWh aus Norddeutschland stammen.
„Die hieraus entstehende regionale Diskrepanz macht ein Hinterfragen der Standortwahl für neue Projekte sowie eine Neubewertung von zentraler und dezentraler Stromerzeugung notwendig“, sagt Oswald: „Insbesondere in Regionen mit strukturell hohen Netzkosten werden dezentrale Erzeugungstechnologien immer mehr zu einer wirtschaftlichen Alternative zur zentralen Erzeugung.“
Bedeutung von dezentralen Erzeugungstechnologien steigt
Die Stromerzeugung in Deutschland und Europa ist derzeit hauptsächlich zentralistisch geprägt, der Fokus liegt auf Großtechnologien wie Kernkraftwerken, Kohle- und Gaskraftwerken und dem Stromtransport zu den Verbrauchszentren. „Unsere Studie zeigt, dass sich in den nächsten Jahren alternative dezentrale Techniken etablieren werden. Im Hinblick auf Erzeugungskosten und technische Zuverlässigkeit sind dies neben Photovoltaik und Gas-Miniblockheizkraftwerken vor allem Brennstoffzellen und Mikroturbinen“, so Oswald: „Bis 2020 werden die Erzeugungskosten stark zurückgehen und diese dezentralen Technologien wettbewerbsfähig sein.“
Die Installationskosten für Brennstoffzellen verringern sich bis 2020 um 58 Prozent, für Mikroturbinen, die schon jetzt die Phase der kommerziellen Verfügbarkeit erreicht haben, um 30 Prozent. Im Jahr 2020 werden die Brennstoffzellen-Technologie und die Mikroturbinen mit 3,2 beziehungsweise 3,1 Gigawatt den größten Anteil der installierten Kapazitäten in Deutschland unter den dezentralen Erzeugungstechnologien darstellen. Zusammen mit Photovoltaik und Gas-Miniblockheizkraftwerken ergibt sich ein Anteil an der Erzeugungskapazität von bis zu 11 Prozent.
Zunahme von Netztarif und realem Strompreis erwartet
„Die steigende Bedeutung der dezentralen Erzeugung sowie der Konzentrationstrend der Bevölkerung haben Auswirkungen auf Energiewirtschaft und Haushalte“, sagt Cord: „So wird sich die Funktion der Verteilnetze grundlegend verändern, was zu einem zunehmenden Technologie- und Investitionsdruck führt.“ Regulatorisch bedingt werden die Netztarife in Deutschland bis 2020 zwar um 22 Prozent sinken. Allerdings werden in urbanen Gebieten 35 Prozent und in ländlichen Gebieten 55 Prozent der bis dahin zu erwartenden regulatorisch bedingten Tarifsenkungen auf der Verteilstufe durch die Veränderung der Netzlast wieder aufgehoben.
Bedingt durch die Veränderung des Erzeugungsmix wird der Analyse von A.T. Kearney zufolge, die auf verschiedenen Erzeugungsszenarien basiert, in Deutschland bis 2020 eine reale Steigerung der Stromgroßhandelspreise von 4 bis 23 Prozent erwartet. Für die Haushalte könnte sich dabei unter Berücksichtigung der Netzkosten und der zu erwartenden starken Zunahme der EEG-Belastung – je nach Szenario um bis zu 141 Prozent - eine Strompreiserhöhung von derzeit 20,4 Cent pro Kilowattstunde (c/kWh) auf bis zu 22,2 c/kWh im Jahr 2020 ergeben.
Neue Geschäftsmodelle sind gefragt
Die A.T. Kearney-Studie zeigt, dass sich der Wettbewerb für Regionalversorger und Stadtwerke deutlich verschärfen wird. Traditionelle Hersteller von Heizungssystemen und Gasversorger werden dabei zu neuen Wettbewerbern der Stromversorger. „Gerade regionale Versorger mit einem starkem Vertriebs- und Netzfokus müssen daher ihr bisheriges Geschäftsmodell hinterfragen. Für sie gilt es abzuwägen, ob sie an einer klassischen Versorgerfunktion auf Basis der zentralen Stromerzeugung festhalten oder eine Strategie mit dezentralem Erzeugungsfokus verfolgen sollen“, stellt Oswald abschließend fest. |