Telekommunikationsunternehmen sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt
A.T. Kearney: Europäische Festnetzanbieter haben noch Effizienzpotenziale

Düsseldorf, 02. August 2004
Europäische Festnetzanbieter verlieren bis zu 30 Prozent ihrer Arbeitskapazität durch unnötige interne Koordinierung. Obwohl die Effizienz in den vergangenen Jahren deutlich gesteigert werden konnte, hinken sie den weltweit führenden Unternehmen weit hinterher. Zu diesem Ergebnis kommt die Top-Managementberatung A.T. Kearney. Haupthindernis für die weitere Verbesserung der Effizienz sind die Strukturen der ehemaligen Staatsbetriebe. Um im weltweiten Wettbewerb erfolgreich bestehen zu können, müssen sich die europäischen Festnetzanbieter an internationalen Effizienzstandards orientieren.
Im Festnetz-Sektor der Telekommunikationsbranche bestehen noch immer signifikante Potenziale zur Effizienzsteigerung. „Wir konnten in der Praxis feststellen, dass die Effizienz dieser Unternehmen vielfach um noch einmal 50 Prozent erhöht werden kann“, erläutert Heinrich Berger, Prinzipal bei A.T. Kearney. „Um diese Chancen zu nutzen, sind die Telekommunikationsunternehmen gut beraten, sich an Vorbildern aus anderen Branchen zu orientieren. So zeigt etwa die Automobilindustrie wie sich Effizienzreserven durch Gleichteilfertigung, Einbindung von Systemlieferanten, die Konzentration auf Kernkompetenzen und Plattformoptimierungen erschließen lassen.“
Die Strukturen der etablierten Festnetzanbieter in Europa sind nach wie vor stark von deren Vergangenheit geprägt: Erhebliche politische Einflüsse und etablierte regionale Strukturen hindern die Unternehmen daran, internationale Effizienzstandards zu erreichen: „Zwar konnten viele Unternehmen ihre Effizienz in den vergangenen Jahren bereits um 50 Prozent steigern, doch noch immer sind weitere 50 Prozent drin. So gehen in einigen Prozessen allein durch die komplexen Strukturen bis zu 30 Prozent der Arbeitskapazität durch nicht notwendige interne Koordination verloren – mit am Ende unbefriedigenden Ergebnissen“, betont Heinrich Berger.
Wegbrechende Umsätze durch Sparmaßnahmen ausgleichen
Effizienzsteigerung ist ein Dauerthema: „Noch immer verlieren die Festnetzanbieter Umsätze in ihren traditionellen Kernbereichen, die durch neue Dienste und Services kurzfristig nicht vollständig aufgefangen werden können“, so Bernhard Kickenweiz, ebenfalls Prinzipal bei A.T. Kearney: „Wollen die Unternehmen ihre derzeitigen Margen halten, sind weitere Sparmaßnahmen unerlässlich. Um die zum Teil erheblichen Effizienzlücken zu schließen, sind ganzheitliche und integrierte Konzepte notwendig, die alle Kostenpositionen berücksichtigen.“
„Zunächst einmal müssen sich die Unternehmen konsequent an den Vorgaben des globalen Wettbewerbs orientieren. Weltweit erreichen die besten Festnetzanbieter EBITDA-Margen von 50 Prozent und betreiben pro Mitarbeiter über 1000 Festnetzanschlüsse“, erklärt Kickenweiz. „Schon jetzt operieren beispielsweise Telefônica São Paulo in Brasilien und NTT mit mehr als 1000 Festnetzanschlüssen pro Mitarbeiter. Weitere Operatoren haben sich diese Kennzahlen intern als kurz- bis mittelfristiges Ziel gesetzt. Auch die Festnetzoperatoren aus den neuen EU-Mitgliedsstaaten haben mittlerweile aggressive Programme zur Effizienzsteigerung aufgesetzt, um die überalterten Strukturen der Vergangenheit möglichst schnell hinter sich zu lassen und Anschluss an die Weltspitze zu finden.“
Schlanke Organisationsmodelle
Ein zentraler Faktor für das Erreichen globaler Spitzenwerte ist zunächst die Implementierung neuer Organisationsmodelle. Dabei sind die radikale organisatorische Zentralisierung und die Zusammenführung verschiedener Standorte einschließlich der Prozessautomatisierung notwendig. Aktivitäten, die nicht zur Kernkompetenz gehören, müssen ausgelagert werden und überflüssige regionale Strukturen konsequent abgebaut werden.
„Ebenso ist die Optimierung von Unternehmensprozessen erforderlich, wobei Hauptprozesse unabhängig von der Organisationseinheit und des Standortes neu gegliedert werden müssen“, sagt Berger. „Dabei wird jeder Prozess nach spezifischen Kriterien auf ‚Weltklasse-Niveau’ gebracht: Um die wesentlichen Effizienzpotenziale erschließen zu können, ist insbesondere die prozessübergreifende koordinierte Vorgehensweise über das gesamte Unternehmen hinweg notwendig.“
Sparfaktor neue Technologien
Schließlich bieten auch neue Technologien Chancen zur Kostensenkung: zum Beispiel durch die Implementierung so genannter Next Generation Networks (NGN) auf Basis des IP-Standards. „Signifikante Einsparpotenziale im Netzwerkbereich können dabei durch Prozessvereinfachungen und die Elimierung veralteter Infrastrukturen erzielt werden. Operatoren wie British Telekom oder Telekom Italia haben dazu bereits aggressive Migrationspläne vorgelegt“, so Kickenweiz. |