Industriekunden und Finanzminister sind die Gewinner der Strommarktliberalisierung
A.T. Kearney-Studie: Einnahmen für Bundeshaushalt auf Kosten der Stromversorger in vier Jahren verdreifacht

Berlin, 04. März 2004
Industriekunden und der Finanzminister sind die eindeutigen Gewinner der Strommarktliberalisierung, während die Privathaushalte kaum von den Neuerungen profitieren und vergleichsweise hoch besteuert werden. Die eindeutigen Verlierer der Liberalisierung sind die Stromversorger: Drastische Umsatzeinbußen zwingen sie zu Produktivitätssteigerungen. Das zeigt eine aktuelle Studie der Top-Managementberatung A.T. Kearney, die heute in Berlin vorgestellt wurde. Energiepreissteigerungen, Druck auf die Netznutzungsentgelte, Produktivitätsgewinne, erhöhter Investitionsbedarf und ein zu erwartender weiterer Arbeitsplatzabbau von etwa 15 Prozent bis zum Jahr 2006 sind die Folgen für die Stromversorger.
Im April 1998 wurde der Strommarkt für die Kunden vollständig geöffnet. Schon vor der Liberalisierung profitierten die Industriekunden von deutlich gesunkenen Strompreisen: „Die Stromversorger senkten aus Gründen der Kundenbindung die Großkundenpreise – teilweise sogar bis unter die Erzeugungskosten“, sagt Florian Haslauer, Mitglied der Geschäftsleitung von A.T. Kearney und Leiter der Studie. Mittlerweile seien die Stromkosten der Industrie durch Steuer- und Abgabener-höhungen und die Annäherung des Strompreises an den Großhandelspreis zwar wieder gestiegen, „doch im Vergleich zu 1995 beträgt die Nettoersparnis für die Industrie 3,5 bis 4 Milliarden Euro pro Jahr“, so Haslauer.
Im Gegensatz dazu brachte die Liberalisierung Kleinverbrauchern wie Gewerbebetrieben und Haushalten nur minimale Vergünstigungen: „Zwar senkten die Stromversorger im Zuge der Liberalisierung des Strommarktes die Preise für Kleinkunden um durchschnittlich 20 Prozent. Doch diese Preissenkungen wurden durch Erhöhung der Abgaben und Steuern fast vollständig wieder ausgeglichen“, erläutert Energieexperte Haslauer. Damit liege die jährliche Nettoersparnis für Kleinverbraucher – verglichen mit dem Jahr 1997 – bei bescheidenen 40 Millionen Euro im Jahr 2003.
Finanzminister profitiert von sprunghaft gestiegener Stromsteuer
„Steuern und Abgaben sind kontinuierlich gestiegen, so dass Strom in Deutschland im europäischen Vergleich überdurchschnittlich stark besteuert wird“, so Haslauer. „Der Steueranteil für den Haushaltskunden ist von 25 Prozent des Gesamtstrompreises im Jahr 1998 auf 40 Prozent im Jahr 2003 gestiegen – zwei Drittel davon wandern direkt ins Bundesbudget.“ „Als Hauptgewinner der Energiemarkt-Liberalisierung kristallisiert sich damit der Bundesminister für Finanzen heraus“, so Haslauer weiter. Ab 1999 flossen jährlich rund 1,8 Milliarden Euro Stromsteuer in die Staatskasse. Im Jahr 2002 hat sich diese Summe mit rund 5,1 Milliarden Euro bereits fast verdreifacht.
Stromversorger verlieren etwa 20 Prozent ihres Umsatzes
Ganz anders die Situation der deutschen Stromversorger. „Die Energieversorgungsunternehmen sind die Verlierer der Strommarktliberalisierung“, stellt Energieexperte Haslauer klar: „Sie werden durch drastische Umsatzeinbußen zur Produktivitätssteigerung gezwungen.“ Die Umsätze der deutschen Elektrizitätsunternehmen sanken im Zeitraum 1995 bis 2000 von 41,5 auf 34,1 Milliarden Euro – ein Minus von 18 Prozent. Im gleichen Zeitraum ist aber der Absatz um rund sechs Prozent gestiegen, was einem jährlichen durchschnittlichen Anstieg von etwa einem Prozent entspricht. Zwischen 2000 und 2002 konnten die Stromversorger einen Teil ihres Umsatz-verlustes durch Preiserhöhungen und Absatzsteigerungen wieder aufholen. Sie liegen mit 38,7 Milliarden Euro jedoch immer noch deutlich unter dem Niveau von 1995.
Produktivitätssteigerung der deutschen Stromwirtschaft
Für die Stromversorger brachte die Liberalisierung außerdem Mehraufwand mit sich, da sie neue Funktionen wie Bilanzgruppenmanagement und zusätzliche Vertriebsaufgaben übernehmen mussten. Dies hatte zur Folge, dass zur Steigerung der Produktivität bereits in der Vergangenheit massiv Stellen gestrichen wurden. Um rund zehn Prozent wurde die Personalkapazität im Vorfeld der Marktöffnung zwischen 1995 und 1998 gekürzt sowie um weitere 18 Prozent in der Phase der vollständigen Liberalisierung zwischen 1998 und 2002. Möglich gemacht haben diesen Stellenabbau Effizienzsteigerungen und die Nutzung von Skaleneffekten. Für den regulierten Wettbewerbsmarkt prognostizieren die Experten von A.T. Kearney bis 2006 sogar einen weiteren Abbau von Arbeitsplätzen um etwa 15 Prozent. „Entsprechend der Senkung des Personalstandes und dem jährlich um etwa ein Prozent steigenden Absatz wird die Produktivität der Mitarbeiter der Stromversorger weiter zunehmen müssen“, bemerkt Haslauer abschließend.
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