A.T. Kearney-Studie: Energiewirtschaft reagiert mit Investitionsrückgang auf die Krise – enorme Wachstumspotenziale in den Bereichen Energieeffizienz, erneuerbare Energien und Elektromobilität
Energiewirtschaft zwischen Investitionsrückgang und Wachstumspotenzial

Düsseldorf, 16. November 2009
Die deutsche Energiewirtschaft hat auf die Krise mit einem Rückgang der Investitionen reagiert. Gründe hierfür sind der sinkende Stromverbrauch und die steigenden Kapitalkosten. Gleichzeitig birgt die Krise aber auch große Chancen. Wachstumspotenziale liegen insbesondere in den Bereichen Energieeffizienz und -management, erneuerbare Energien sowie der Elektromobilität. Das geht aus einer aktuellen Studie „Nachhaltige Restrukturierung des Wirtschaftsstandortes Deutschland – Energie“ der Top-Managementberatung A.T. Kearney hervor. Zusammenarbeit, Innovation und Serviceorientierung bieten Unternehmen substanzielle Möglichkeiten, sich profitabel weiterzuentwickeln. Voraussetzung für eine Restrukturierung sind zudem klare Rahmenbedingungen für Investitionssicherheit. Für die deutsche Politik gilt es, eine umfassende Energiestrategie auszuarbeiten, die den gesamten Energiemix, eine Klimastrategie und den Bereich Energieeffizienz einschließen. Zudem sollten möglichst rasch die Rahmenbedingungen für mögliche Laufzeitverlängerungen der Kernkraftwerke definiert werden, da davon die Investitionsplanungen in der Energiebranche größtenteils abhängig sind. Im Regulierungsrahmen sollten Anreize für die Investition in den Verteilnetzen für die Weiterentwicklung zu Smart Grids geschaffen werden.
Krisenbedingt ist der weltweite Stromverbrauch in den letzten Monaten stark gesunken. Weltweit wird 2009 ein Rückgang um 3,5 Prozent erwartet. Bei den großen Stromversorgern ist im ersten Halbjahr der Stromabsatz um teilweise 7 und mehr Prozent zurückgegangen. Durch die krisenbedingt sinkenden Rohstoffpreise sind zudem vor allem kleine Unternehmen und reine Energieverteilunternehmen ohne eigene Stromerzeugung unter Druck geraten, da sie durch die steigenden Preisvolatilitäten auch einem steigendem Preisrisiko ausgesetzt sind. Große vertikal integrierte Unternehmen können die Schwankungen auf den Rohstoffmärkten hingegen besser abfangen.
Rückläufige Investitionen
„Durch die Finanzkrise haben sich aber auch die Kreditkonditionen für Energieunternehmen verschlechtert“, sagt Dr. Florian Haslauer, Partner der Utility Practice von A.T. Kearney: „So haben sich selbst für die großen Unternehmen die Risikoprämien auf die Basiszinsen um bis zu 120 Basispunkte erhöht. Dies verteuert die Umsetzung großer Kraftwerksinvestitionen. Unter den derzeitigen Rahmenbedingungen werden die jährlichen Investitionen in der EU im Jahr 2009 und 2010 um rund 10 Milliarden Euro pro Jahr zurückgehen. Der Investitionsrückgang wird zu einer steigenden Überalterung des europäischen Kraftwerkparks führen und bei einem gleichzeitig starken Anstieg des Stromverbrauchs nach der Rezession und wieder ansteigenden Rohstoffpreisen die Strompreise nach oben treiben.“
Betroffen sind insbesondere aber auch die Investitionen in erneuerbare Energien, die in den letzten Monaten massiv eingebrochen sind. Dies ist darauf zurückzuführen, dass hier die Investitionskosten den größten Teil der Erzeugungskosten ausmachen. So entfallen bei einem Erdgas-Kraftwerk etwa 13 Prozent der gesamten Erzeugungskosten auf die Kapitalkosten, während es bei Windenergie 72 Prozent und bei Photovoltaik sogar 94 Prozent sind. Fehlende Investitionen in den Ausbau der erneuerbaren Energien heißen aber auch, dass sich das Erreichen der EU-Klimaziele verzögern wird und ohne geeignete Maßnahmen diese sogar gefährdet sind.
Aber auch das organische Wachstum der Energieunternehmen ist bedingt durch die Finanzkrise rückläufig. Allerdings werden große integrierte Energieunternehmen mit einem internationalen Portfolio weniger betroffen sein, als kleinere, regionale Unternehmen.
Wachstumschancen durch Energieeffizienz, erneuerbare Energien und Elektromobilität
„Die Energiewirtschaft kann langfristig gestärkt aus der Krise hervorgehen, wenn sie die strukturellen Veränderungen nutzt und als Chance begreift“, so Haslauer: „So können große und finanzstarke Unternehmen ihre Positionen weiter ausbauen. Aber auch für kleinere und kommunale Unternehmen bieten sich vielfältige Möglichkeiten, zum Beispiel im Bereich der dezentralen Energieerzeugung, der Energieeffizienz und den erneuerbaren Energien. Zusammenarbeit, Innovation und Serviceorientierung sind die Schlagworte, die Unternehmen substanzielle Möglichkeiten bieten, sich profitabel weiterzuentwickeln.“
Unternehmen können beispielsweise Projekte von Projektentwicklern im Bereich erneuerbare Energien aufkaufen, die sich finanziell übernommen haben. Kooperationen insbesondere bei Investitionen in Kraftwerke oder in das Netz können für kleinere und mittlere Unternehmen die Risiken reduzieren. Es wird aber auch notwendig neue kundenorientierte Geschäftsmodelle zu etablieren und sich zu fokussieren. Für große Anbieter liegt in der Wirtschaftskrise zudem die Chance, die Vertriebsaktivitäten zu intensivieren und Kunden von offensichtlich schwächeren Wettbewerbern zurück zu gewinnen.
Kleine und mittlere Energieversorger sollten über neue Kooperationen und Franchisemodelle nachdenken. Insbesondere im Bereich erneuerbare Energien, Energiemanagement und Energieeffizienz könnten sie von branchenfremden Dienstleistern oder großen Energiekonzernen Services einkaufen, die sie unter eigenem Namen am Markt platzieren können.
„Die Unternehmen sollten sich von der alten Maxime lösen, dass mehr Energieabsatz mehr Gewinn bringt“, sagt Dr. Martin Handschuh, ebenfalls Partner in der Utility Practice bei A.T. Kearney: „In der Energiewelt von morgen könnte es mehr Gewinn bringen, dem Kunden dabei zu helfen, weniger Strom und Gas zu verbrauchen. Entscheidend für eine erfolgreiche Restrukturierung ist, dass auch die kleinen und mittleren Versorger die reine Bestandsverwaltung rasch hinter sich lassen und aktiv an den neuen Wachstumsmöglichkeiten teilhaben.“ Dazu gehört der Vertrieb von Smart Metern ebenso wie die Entwicklung von Angeboten zur Nachfrage-Steuerung beim Kunden.
„Aber auch die Entwicklung der Elektromobilität ist ein zukunftsweisendes Geschäftsfeld sowohl für die großen als auch die kleinen und kommunalen Energieunternehmen“, so Handschuh: „Der Mehrabsatz durch den steigenden Strombedarf und kerngeschäftsnahe Angebote wie den Ausbau der Ladeinfrastruktur und technischen Services sowie Abrechnungs- und Kundenservices sowie der Ausdehnung der Geschäftsaktivitäten über das klassische Kerngeschäft hinaus wie Batterieleasing ermöglichen den Unternehmen in Deutschland im Jahr 2020 Umsatzpotenziale in Milliardenhöhe. Um die Märkte der Zukunft bestimmen zu können, sind vor allem Partnerschaften notwendig.“
Investitionssicherheit schaffen
„Voraussetzung für eine Restrukturierung sind zudem klare Rahmenbedingungen für Investitionssicherheit. Für die deutsche Politik gilt es, eine umfassende Energiestrategie auszuarbeiten, die den gesamten Energiemix, eine Klimastrategie und den Bereich Energieeffizienz einschließen“, so Haslauer. Für Netzbetreiber sollten mehr Anreize zum Ausbau eines „intelligenten Stromnetzes“ und zur Entwicklung neuer Produktideen geschaffen werden. Aber auch eine rasche Umsetzung des dritten Energie-Binnenmarktpakets ist notwendig, um klare Rahmenbedingungen zu schaffen. Insbesondere auf der Verteilnetzebene vor Ort ist eine größere Planungssicherheit notwendig, um neue Energie-Dienstleistungen, dezentrale Erzeugung und Verbrauchssteuerung in der Stromversorgung anbieten zu können. Für die neue Regierung heißt es zudem, schnell klare Rahmenbedingungen für mögliche Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke zu definieren, denn davon sind die Investitionsplanungen in der Energiebranche größtenteils abhängig. Auch hier gilt, es Investitionssicherheit zu schaffen, auch um den Weg für Innovationen frei zu machen. |