A.T. Kearney-Studie: Von der Veröffentlichungspflicht zum internationalen Wettbewerbsvorteil Transparenz
Milliardenschaden durch missverstandenen Bürokratieabbau?

Düsseldorf, 07. Mai 2009
Die Reduzierung der Veröffentlichungspflicht und der damit einhergehende Informationsverlust würden einen enormen volkswirtschaftlichen Schaden zur Folge haben. Allein der zu erwartende Anstieg von Forderungsausfällen durch Unternehmen, die zukünftig von der Veröffentlichung befreit werden sollen, würde in Summe jährlich mehr als eine Milliarde Euro betragen – mehr als das Zehnfache der Belastung, die durch die derzeitige Veröffentlichungspflicht besteht. Das geht aus einer aktuellen Untersuchung der Top-Managementberatung A.T. Kearney hervor. Um durch die Finanz- und Wirtschaftskrise verloren gegangenes Vertrauen wieder herzustellen, avanciert Transparenz für Unternehmen zu einem echten Wettbewerbsvorteil – sowohl bei der Finanzierung des laufenden Geschäfts als auch bei der Zusammenarbeit mit Lieferanten und Kunden.
Mit der Finanz- und Wirtschaftskrise geht neben einer Verschlechterung der Auftragslage auch eine verringerte Zahlungsmoral sowie ein Anstieg von Insolvenzen einher, was das Misstrauen der Unternehmen untereinander schürt. Gleichzeitig sind Unternehmen jedoch in zunehmendem Maße im Hinblick auf die gegenseitige Finanzierung voneinander abhängig, da es immer schwerer wird, Bankkredite zur Unternehmensfinanzierung zu erhalten. Zudem weisen vor allem deutsche KMUs eine vergleichsweise geringe Eigenkapitalquote von nur 16 Prozent auf.
„Die allgemeine Verunsicherung führt sogar dazu, dass selbst kerngesunde Unternehmen in wirtschaftliche Bedrängnis geraten können, da sie für Geschäftspartner nicht ohne weiteres von solchen zu unterscheiden sind, die deutlich größere Risiken in ihren Büchern aufweisen“, sagt Dietrich Neumann, Zentraleuropachef von A.T. Kearney: „Transparenz und Vertrauen sind wesentlich, um auch in der Krise weiterhin auf stabile Beziehungen zu Kunden und Lieferanten setzen zu können. Für den Wiederaufbau des durch die Krise verloren gegangenen Vertrauens ist zusätzliche Transparenz unerlässlich. Entsprechend kommt den geplanten Reformen der Veröffentlichungspflichten eine enorme volkswirtschaftliche Bedeutung zu.“
Die heutige Veröffentlichungspflicht reicht kaum aus, um die Markttransparenz in der Krise wirkungsvoll zu steigern. Zahlreiche entscheidende Zusatzinformationen, wie zum Beispiel die Verflechtungen mit anderen Unternehmen, werden noch nicht berücksichtigt und es mangelt vor allem an der technischen Nutzbarkeit der Daten.
Reform der Veröffentlichungspflichten
Sowohl auf EU-Ebene als auch in Deutschland sind Reformen der Veröffentlichungspflichten geplant. Neben der Anpassung von Schwellenwerten kleiner, mittlerer und großer Unternehmen im Rahmen des Bilanzmodernisierungsgesetzes zählt dazu auch die geplante vollständige Befreiung von der Veröffentlichungspflicht für kleinere Unternehmen. „Unternehmen könnten sich im Zuge der damit zunehmenden Intransparenz beispielsweise kaum noch über die Finanzstärke von Lieferanten oder Kunden anhand öffentlicher Daten informieren, was einen immensen Vertrauensverlust nach sich ziehen dürfte. Ein falsch verstandener Bürokratieabbau könnte so einen echten volkswirtschaftlichen Schaden verursachen“, so Dr. Martin Fabel, Vice President bei A.T. Kearney und Autor der Studie: „Um den Bürokratieabbau weiter voran zu treiben, sollten vielmehr Verwaltungsregelungen und -abläufe weiter vereinfacht werden, als durch eine Einschränkung der Veröffentlichung von ohnehin zu erstellenden Informationen volkswirtschaftliche Intransparenz zu fördern.“
Der damit einhergehende Anstieg von Forderungsausfällen würde in Summe jährlich mehr als eine Milliarde Euro betragen – mehr als das Zehnfache der Belastung, die durch die derzeitige Veröffentlichungspflicht besteht.
Deutschland als Transparenz-Vorreiter?
A.T. Kearney untersucht im Rahmen seines Forums „Global Business Policy Council” auch weltweite makro-ökonomische Zusammenhänge, insbesondere in Bezug auf ihre Wirkung für Klienten und deren Industrien. Im letzten A.T. Kearney Foreign Direct Investment Confidence Index, einer Erhebung des Councils bezüglich der Investitionsabsichten der 1.000 größten Unternehmen weltweit, steht Deutschland auf Rang 10 – und das trotz im internationalen Vergleich vermeintlicher Standortnachteile wie hoher Lohnkostenniveaus, großer Gewerkschaftseinflüsse und weitreichender Regulierung. „Diese Stellung wird nur aufrecht zu erhalten sein, wenn Deutschland gleichzeitig seine Standortvorteile wie Kontinuität, Stabilität und gerade auch Transparenz weiter ausbaut“, sagt Fabel: „Zudem ist Transparenz dringend erforderlich, um auf makro-ökonomischer Ebene ein Zukunftsbild der ‚Deutschland AG‘ skizzieren zu können. Nur wenn man genau weiß, welche Branchen im Kern gesund sind und ein nachhaltiges Wachstum versprechen, kann eine sinnvolle und zielgerichtete Industriepolitik erfolgen.“
„Für Deutschland bietet sich die einmalige Chance, zum weltweiten Vorreiter in Sachen Transparenz aufzusteigen. Die Volkswirtschaft, die in einer globalisierten Welt deutlich mehr Transparenz schafft, erzeugt als erste ökonomischen Druck auf nicht zukunftsfähige Sektoren und zieht auch als erste nationale und internationale Investitionen für ihre nachhaltig gesunden Branchen und Unternehmen an: eine klare Voraussetzung für neues Wachstum und die Überwindung der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise“, so Neumann.
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