Konsolidierung des Europäischen Mobilfunk-Sektors Konsolidierung des Europäischen Mobilfunk-Sektors

Während die Europäische Kommission ihre Grundsatzentscheidung über die Verschmelzung von zwei Telekommunikationsunternehmen in Deutschland vorbereitet, veröffentlicht A.T. Kearney eine Reihe von Marktanalysen, die die Wettbewerbsintensität hervorheben, die auch nach der Fusion verbleiben wird. Die Verbraucher werden nicht verlieren. Ein wichtiger Wirtschaftssektor hat dagegen die Chance zu Wachstum und Investitionen zurückzukehren—in Deutschland und im übrigen Europa. 

Der Wettbewerb auf dem deutschen Telekommunikationsmarkt bleibt auch nach erwarteter Fusion intensiv

Die EU-Kommission steht kurz vor der Entscheidung, ob bzw. unter welchen Auflagen Telefonica und KPN ihre Geschäftstätigkeiten in Deutschland fusionieren dürfen. Die Bedeutung der Konsolidierung für die Stärkung der Wirtschaftlichkeit des gesamten Telekommunikations- und IKT-Sektors ist bereits weithin kommentiert worden1 und wurde sogar von der deutschen Bundeskanzlerin Merkel jüngst positiv erwähnt. Experten der Europäischen Kommission gehen mit der gebotenen Sorgfalt vor, um eine Entscheidung zu finden, welche einen Präzedenzfall für den Rest Europas schaffen dürfte.

A.T. Kearneys Analyse der Marktdynamik in Deutschland legt nahe, dass eine weitreichende Reduzierung des Wettbewerbs nicht zu erwarten ist und daher Bedenken der Regulierer begrenzt sein sollten.

Wir haben mehrere Perspektiven für die derzeitige Marktgröße entwickelt und den relativen Anteil der fusionierten Geschäftstätigkeiten daraus abgeleitet. Abbildung 1 zeigt die traditionellen Endkunden-Service-Umsätze2. Telefonica und E-Plus sind derzeit Nummer 3 und (knapp) Nummer 5 im Mobilfunkmarkt und würden gemeinsam mit einem Gesamtumsatz von €5.8 Mrd. und einem Marktanteil von 27% Vodafone als Nummer 2 ablösen. Dieser relativ geringe Anteil des Zweitgrößten verdeutlicht die Bedeutung der Service Provider und Mobile Virtual Network Operators (MVNOs) in Deutschland. Dies trifft derzeit für den irischen Markt nicht zu, wo die Kommission am 28. Mai eine ähnliche Fusion mit Auflagen genehmigt hat, wonach der Einstieg von MVNOs forciert werden soll

 

Abbildung 2 zeigt eine alternative Sicht auf den deutschen Markt, welche anerkennt, dass ein substantieller Anteil der Umsätze von Service Providern und MVNOs an die Mobilfunknetzbetreiber weitergereicht wird . Um ein umfassendes Bild zu erstellen, haben wir auch andere Zahlungsströme zwischen den wichtigsten Akteuren berücksichtigt und die „Bruttomargen“ der einzelnen Marktteilnehmer errechnet. Diese Sicht konsolidiert auch Kommunikation, welche auf anderen Netzen terminiert wird und dort Großhandelsumsätze erzeugt.

Des Weiteren berücksichtigt unsere Analyse, dass Mobilfunkbetreiber zu einem großen Teil Verkäufer von Mobilfunkgeräte sind. In den heutzutage gängigsten Tariffmodellen bezahlt der Kunde nur einen kleinen Betrag für die Kosten seines Geräts bei Vertragsabschluss, während der Betreiber die verbleibenden Kosten mit teilweise bis zu mehreren hundert Euro für die populärsten Smartphones „subventioniert“. In den letzten Jahren wurde ein großer Teil dieses Wertes von Apple und Samsung realisiert, deren Geräte eine so starke Kundenbindung erzeugten, dass diese Hersteller hohe Großhandelspreise gegenüber den Mobilfunkbetreibern realisieren konnten. Betreiber versuchen, soweit möglich, die „Subventionen“ über die Nutzungsgebühren zu amortisieren. Im Markt gibt es einen aufkommenden Trend für Betreiber, die Service- und Gerätefinanzierungsumsätze von einander zu trennen – diesen Schritt haben wir vorweg genommen. Nach unserer Analyse sind schätzungsweise €5 Mrd. des deutschen Mobilmarktes eigentlich ein Geräte-/Hardware-Markt, welcher getrennt von den Umsätzen der Netzbetreiber und Service Provider/MVNOs betrachtet werden sollte, um ein klareres Bild der wirklichen Marktanteile zu erhalten. In dieser „Bruttomargen“-Sicht haben Telefonica und E-Plus nur einen Marktanteil von 21% als fusionierte Einheit.

Eine Einzelbetrachtung des Mobilfunkmarktes ist zunehmend überholt, denn Kunden beginnen gebündelte Dienste zu kaufen; immer mehr Telekommunikationsfirmen investieren in eigene Festnetz-, Kabelnetz- und Mobilfunkaktivitäten, um diese Nachfrage zu befriedigen. Speziell im Datenmarkt ist dieses wichtig, da Kunden und ihre Geräte hinsichtlich der Verbindung über WiFi oder das Mobilnetz agnostisch sind. Wie Abbildung 3 zeigt, ist der Anteil des zusammengeschlossenen Unternehmens am gesamten Telekommunikationsmarkt (basierend auf den traditionellen Endkunden-Serviceumsätzen) gerade einmal 15% Durch die jüngste Akquisition von Kabel Deutschland, einem der größten Kabelnetzbetreiber in Deutschland, würde Vodafone mit 20% weiterhin davor liegen.

Eine weitere Wettbewerbsdynamik entsteht durch die zunehmende Bedeutung der "Over-The-Top "-Dienste (OTT) wie Skype oder WhatsApp, die einen erheblichen Anteil der Netznutzung ausmachen (mehr als die Hälfte des Nachrichtenmarktes zum Beispiel). Diese Unternehmen verfolgen unterschiedliche Geschäftsmodelle, so dass sie nicht eindeutig in eine traditionelle Marktanalyse einbezogen werden können. Angenommen wir bewerten ihren Datenverkehr mit dem niedrigsten am Markt verfügbaren regulären Tarif, so würden die OTT-Dienste bereits heute einen Marktanteil von ungefähr 8% erzielen und das bei schnellem Wachstum. Auch wenn mit dieser Annahme deren Bedeutung überbewertet sein mag, lässt sich ebenso wenig behaupten, deren Leistungen seien „gratis“ - sie werden indirekt über Werbung oder Verkauf von Hard- und Software durch andere Unternehmen finanziert und damit letztlich von den Verbrauchern bezahlt. Sie üben Druck auf Preisangebote der Telekommunikationsbetreiber aus und erzwingen Änderungen zu Tarifstrukturen sowie niedrigere Preise.

Unser Vorschlag ist nicht, sämtliche Perspektiven zu überlagern, um die Bedeutung der Fusion von Telefonica Deutschland und E-Plus herunterzuspielen. So gibt es wichtige Fragen rund um die Frequenzverteilung zu klären: das fusionierte Unternehmen hätte einen extrem hohen Anteil an dieser kritischen Ressource – insbesondere in den UMTS/LTE-Bändern 1,8 bis 2,6 GHz –, die auf Basis der Voraussetzung, dass zwei getrennte Netzwerke betrieben werden, zugeteilt wurde. Es ist wichtig hier, eine pragmatische und gerechte Lösung für die Umverteilung bestimmter Frequenzen zu finden, die eventuelle Qualitätsverluste für die Kunden von Telefonica, E-Plus und deren MVNOs vermeidet. Gleichzeitig wird die Fusion Konsequenzen für Lieferanten, Geschäftspartner und Mitarbeiter haben, denn Ziel beider Unternehmen wird es sein, Kostensynergien zu realisieren, um ihr Deutschlandgeschäft zu stärken.

A.T. Kearneys Position ist stattdessen zu betonen, dass sich die Definition des Mobilfunkmarktes – auch innerhalb nationaler Grenzen - maßgeblich verändert hat und sich fortlaufend schnell weiterentwickelt. Eine Bewertung der wettbewerblichen Auswirkung einer Fusion muss immer alle Marktteilnehmer betrachten - Mobilfunknetzbetreiber, MVNOs, Kabel- & Festnetzbetreiber, Gerätehersteller, und OTT-Anbieter. Die Entscheidung über Telefonica und E-Plus sollte - aus unserer Sicht - positiv ausfallen und nur einige der technischen Details wären zu klären. Über die Frequenzverteilung hinausgehende Auflagen, wie z.B. die Schaffung künstlicher Anreize zum Markteintritt für neue Anbieter wären aus unserer Sicht angesichts der beschriebenen Wettbewerbsdynamik kontraproduktiv.

Aus unserer Sicht sollte das Augenmerk auf eine viel komplexere Entscheidung für die nächste EU-Kommission und für Politiker in ganz Europa gerichtet werden, nämlich wie sich eine zukunftsorientierte Wettbewerbspolitik gestalten lässt, die sich auf das moderne Kundenverhalten bei der Nutzung von Telekommunikations- und IKT-Dienstleistungen konzentriert. Nur mit der Beseitigung historischer Marktabgrenzungen wird die Industrie in der Lage sein sich mit Vertrauen vorwärts zu bewegen, Investitionen in die Netze und Dienste der Zukunft zu tätigen und im Wettbewerb mit den globalen Unternehmen zu bestehen, die bereits einen großen Teil des europäischen Marktes erobert haben.

 
 

1. Zum Beispiel in den A.T. Kearney Studien „A Future Policy Framework for Growth“ (2013) und „Rebooting Europe’s High Tech Industry” (2014)

2. Die Berechnungen der Endkunden-Umsätze umfassen die Mobilfunk-Service-Umsätze der Mobilfunknetzbetreiber, der Service Provider und MVNOs sowie die Festnetz- und Pay-TV-Umsätze von Festnetz-, Kabelnetz- und Digital-TV-Anbietern. Für jeden Marktteilnehmer wurden die Endkunden-Umsätze definiert als Gesamtumsätze abzüglich Großhandelsumsatz, Besucher-Roaming (falls anwendbar), Interconnection und andere externe Umsätze.

3. Die Berechnungen der Endkunden-„Bruttomarge“ fokussiert auf die Umsätze aus dem Bereich Mobilfunk, abzüglich der Herstellungskosten, die unter Berücksichtigung der Hauptzahlungsströme zwischen den verschiedenen Marktteilnehmern berechnet wurden. Die Werte für die Mobilfunkgerätehersteller wie z.B. Apple wurden auf Basis der Absatzmarktanteile der Hersteller bei Mobilfunknetzbetreibern, Service Providern, MVNOs und dem Mobilfunk-Fachhandel berechnet. Die Großhandelskosten der MVNOs wurden zurück auf die Mobilfunknetzbetreiber verteilt. Wir haben auch die Netto-Interconnection-Kosten zwischen Festnetz- und Mobilfunkbetreibern zurückallokiert. Letztlich wurden die Endkunden-„Bruttomargen“ der Roaming-Partner auf Basis der Roaming-Kosten für ausländische Mobilfunkbetreiber abgeschätzt. Die Berechnungen für die Endkunden-Umsätze und die Endkunden-„Bruttomargen“ basieren auf einer breiten Palette an Quellen von der Bundesnetzagentur, den öffentlichen Finanzberichten der Unternehmen, Ovum, GSMA Intelligence, BMI und A.T. Kearneys eigener Analyse. 

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